Die Prignitz? Selbst unter den Deutschen ist dieser liebliche Landstrich vielerorts unbekannt. Für die Einheimischen ist das schade, für Besucher dagegen ein Gewinn: Die Region in Brandenburgs Nordwesten betört mit verwunschenen Auenwäldern, einer prächtigen wie seltenen Tierwelt und traumhaften Ausblicken auf die Elbe. Gern und oft ist man dabei ganz allein. Text: Frank Störbrauck

Puh. Wer hätte das gedacht? Ende August packt der Sommer noch einmal sein gesamtes Repertoire aus: Das Thermometer hat die 30-Grad-Grenze längst überschritten, die Sonne brennt vom Himmel und uns den Schweiß ins Gesicht. Aber wir lassen uns nicht entmutigen. Schlapp machen gilt jetzt nicht. Wir radeln weiter. Immer entlang der Elbe, hier in der Prignitz, vorbei an Bäumen voller Äpfel und Sträuchern voller Brombeeren, die nur so nach Mundraub schreien. Links des Weges stehen Angler geduldig am Ufer und warten darauf, dass ein Fisch der Verlockung des Köders erliegt. Dreihundert Meter weiter planscht eine Familie am Ufer des Flusses im Wasser. Rechts des Weges, gleich hinter dem Deich, schmiegen sich große Häuser mit noch größeren Gärten in die Landschaft. Manche davon so eng zusammen, als harrten sie schon auf den Herbst, um einander zu wärmen. So schön, so harmonisch, so traumhaft wirkt alles. Und so still.

Populärer Stopp für Radfahrer in der Prignitz: das Lokal »Am Elbdeich«

Auch Andreas Haas profitiert von der himmlischen Radler-Kulisse. Am späten Nachmittag kommen wir an seinem Gartenlokal in dem Dorf Mödlich vorbei. Das Lokal trägt den schlichten, aber geografisch gesehen sehr passenden Namen »Am Elbdeich«. Rund 30 Gästen bietet sein Gartenlokal Platz, es ist eine grüne Oase der Idylle. »Ja, Radfahrer sind unser Leben«, sagt Haas, während er Filterkaffee aufbrüht und ein Stück Apfelkuchen über die Theke seiner Gartenlaubenbar reicht. Natürlich selbst gemacht.

Wer müde vom Radfahren ist und in der Prignitz ein Dach über dem Kopf braucht, dem bietet er vier einfache Gästezimmer und zwei Ferienhäuser zum Übernachten an. Zwei bis drei Tage bleibe das Gros der Gäste, sagt er. Wer bei ihm übernachtet, spart sich die Anreise zur Elbe. Die fließt nämlich gleich hinter dem Deich. Praktisch, wenn man sich nach dem Aufstehen auf den Drahtesel schwingen und sofort das Elbpanorama genießen möchte.

Schafe an Elbe in der Prignitz

Frank Störbrauck

Das können auch Dirk Wolters und seine Lebensgefährtin Annett Senst bestätigen. Die beiden sind 2009 nach Unbesandten, nur ein paar Kilometer elbabwärts, gezogen und haben dort das Hotel und Restaurant »Alter Hof am Elbdeich« eröffnet. Tagsüber radeln ihre Gäste in der Prignitz auf dem Elbdeich rauf und runter, betören sich an Flora und Fauna, besuchen die Burg Lenzen oder Wittenberge oder genießen bei einer Wanderung rund um den nahen Rudower See die Stille.

Kulinarische Köstlichkeiten im »Alten Hof am Elbdeich«

Abends dann sitzen sie bei ihnen im Lokal und goutieren die wunderbaren Köstlichkeiten, die die beiden auf den Teller zaubern. Das Credo der Küche ist ayurvedisch, erläutert Senst: »Wir bereiten die Gerichte so zu, dass die Speisen nicht nur wohlschmeckend sind, sondern auch die Gesundheit erhalten. Wir setzen das Wissen vom Leben in unsere Art zu kochen um.« Da versteht es sich von selbst, dass das auf den Tisch kommt, was die Umgebung hergibt:

»Wenn wir nicht hier in der Region kaufen, dann leben wir nicht hier. Wir möchten hier sein und das verwenden, was es hier gibt.«

Das spiegelt sich auf der Speisekarte wider: Geschichtetes vom Wildbret gebacken, gewürzt mit Lorbeer und Thymian, gebratene Pilze, Apfelrotkohl und Kartoffelklöße oder lieber Filet vom Mecklenburger Wels im Meersalzsud, mit Möhrenstiften oder Steckrübe, Orange und Olivenöl gegart, und Salzkartoffeln? Mir jedenfalls läuft das Wasser im Mund zusammen …

Barfuß an die Elbe gehen

Bevor wir Platz an ihrem schön gedeckten Tisch im Restaurant nehmen, möchte ich, so viel Zeit soll bitteschön sein, wissen, was es mit dem Leben an der Elbe auf sich hat. Kaum habe ich die Frage gestellt, strahlen Dirk Wolters Augen. Ich merke, wie ich einen emotionalen Punkt angesprochen habe. »Die Elbe ist unser Leben. Wir können zusammen mit unseren Gästen barfuß an die Elbe gehen. Und wenn dann 200.000 Zugvögel über unsere Region fliegen, dann ist das ein Ereignis, das man einfach in seinem Leben einmal erlebt haben muss«, sagt Wolters.

Alter Hof am Elbdeich in der Prignitz

Frank Störbrauck

Er sagt dann zu seinen Gästen: »Nehmt euch in der Abenddämmerung eine Flasche Wein, setzt euch an die Elbe und lauscht dem und riecht das, was um euch geschieht.«

Wildgänse, Fisch- und Seedaler und Weißstörche bestaunen

Keine Frage: Besucher, die seltene Tiere beobachten wollen, sind in der Prignitz an der richtigen Stelle: Wildgänse und nordische Schwäne rasten im Frühling und Herbst hier in Scharen. Fisch- und Seeadler sowie Eisvögel kreisen über der Elbtalaue, Biber lümmeln sich am Ufer der Elbe, und in dem nahen Dorf Rühstadt ist gar die größte Weißstorchpopulation Europas zu Hause. Wenn die filigranen Vögel im Frühjahr einschweben, reisen nicht nur Ornithologen an, um ihnen zuzusehen, sondern auch Heerschaaren an Touristen. Das Dorf profitiert ungeheuer von dieser Laune der Natur – jedes Jahr kommen bis zu 40.000 Besucher vorbei, um einen Blick auf die grazilen Geschöpfe zu werfen.

Zu Besuch in der Burg Lenzen

Am nächsten Morgen brechen wir auf zu Susanne Gerstner. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Auenökologischen Zentrums des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und hat ihr Büro in der Burg Lenzen in der Prignitz. Ja, ganz richtig, in einer Burg. Das ist schnell erklärt: Zu DDR-Zeiten war die Burg ein Altersheim. Nach der Wende erhielten die ehemaligen Eigentümer das Grundstück zurück – und schenkten es dem BUND, verbunden mit dem Wunsch, dass der die Burg im Sinne des Umwelt- und Naturschutzes erhalten und nutzen möge.

Garten der Burg Lenzen in der Prignitz

Frank Störbrauck

Das tun Susanne Gerstner und ihre Mitarbeiter heute nach Kräften. Auch für Touristen haben sie verschiedene Angebote gestrickt: Man kann in der Burg übernachten, sich im Besucherzentrum informieren und sich durch das UNESCO-Biosphärenreservat »Flusslandschaft Elbe-Brandenburg« führen lassen. Das liegt zwischen Havelberg und Dömitz. 53.000 Hektar der Prignitzer Elbtalaue gehören heute zum UNESCO-Biosphärenreservat.

Sogar Liebenthaler Wildlinge leben hier

Wer Susanne Gerstner auf dem Elbdeich zuhört, merkt, dass sie ganz in ihrem Element ist. Obwohl Petrus heute reichlich Wind über den Deich pustet, hantiert die Biologin unbeirrt mit Schaubildern in Klarsichtfolie und plaudert kenntnisreich und eloquent über die Elbflusslandschaft (»faszinierender Lebensraum«), die Deichrückverlegung (»bedeutendes Projekt für die Region«), das Feuchtgrünland (»sehr selten in Deutschland und Mitteleuropa geworden«), die Weichholzaue (»natürliche Kläranlage, die zur Qualitätsverbesserung von Grund- und Trinkwasser beiträgt«), den Ausbau des Auenwalds (»vor allem Ulmen und Eschen«) und die Tierwelt (»hohe Zahl an Seeadlern und Schwarzstörchen«).

Susanne Gerstner, BUND, Burg Lenzen

Frank Störbrauck

Für großes Entzücken in der Gruppe sorgt eine Herde Wildlinge, die von Weitem am Horizont zu sehen ist. Es handelt sich um Liebenthaler Wildlinge, eine Kreuzung aus skandinavischen Fjordpferden und Tarpanen. Man erkennt sie leicht an dem zebrastreifenähnlichen Muster am Vorderlauf, der weißen Schnauze und ihrem Kuscheltiergesicht. Leider reicht nicht die Zeit, um zu ihnen hinüberzulaufen und eine Packung Streicheleinheiten zu verabreichen. Das wäre gut möglich, denn: »Sie sind sehr neugierig, fast schon anhänglich«, so Gerstner.

Wittenberge – das kulturelle Zentrum der Prignitz

Nachdem wir uns an Flora und Fauna sattgesehen haben, machen wir uns auf nach Wittenberge. Obwohl die Stadt nur etwas mehr als 17.000 Einwohner hat, ist sie das kulturelle Zentrum der Prignitz. Die Elbestadt wird heute stark von den Zeugen ihrer industriellen Vergangenheit, wie der alten Ölfabrik, deren gewaltige Speichergebäude und den Türmen des Singerwerkes, geprägt.

Alte Ölfabrik in Wittenberg in der Prignitz

Frank Störbrauck

Wittenberge liegt so ziemlich in der Mitte zwischen Hamburg und Berlin und verfügt sogar über einen ICE-Halt. Und so kommen Woche für Woche Touristen aus den Metropolen der Republik vorbei, um ein wenig Industriegeschichte zu schnuppern. Viele der Touristen, die Wittenberge besuchen, bleiben allerdings nur einen Tag in der Stadt.

Mit Salomon Herz durch Wittenberg

Das sei doch viel zu kurz, findet Jürgen Schmidt, der uns zu einer kulinarischen Stadtführung eingeladen hat. Schmidt schlüpft bei dieser Tour in die Rolle von Salomon Herz, einem jüdischen Kaufmann, der maßgeblich zum industriellen Aufstieg Wittenberges im 19. Jahrhundert beigetragen hatte.

Jürgen Schmidt alias Salomon Herz

Frank Störbrauck

Schmidt führt – ganz der Tradition verpflichtet – im Biedermeier-Frack durch das Zentrum. Denn in Wittenberge gilt das eiserne Credo: Stadtführung nur mit Kostüm. Schnell kommt er auf die Elbe zu sprechen:

„Früher war die Elbe verpönt. Jeder, der was auf sich hielt, zog von der Elbe weg. Elbe hieß Dreck, Maschinen und Mist. Das Wort Ökologie war noch nicht einmal erfunden. Heute hat ein Umdenken eingesetzt. Heute will man an die Elbe. Schön für uns“, schmunzelt er und schreitet voran.

Daran, dass heute überraschend viele Touristen in Wittenberge vorbeischauen, hat auch Lutz Lange einen großen Anteil. Manche in der Stadt sagen, sogar einen überragenden, andere – hinter vorgehaltenem Mund – einen zu mächtigen.

Schweinefilet vom Prignitzer Landschwein im Biertreber-Senf-Schinkenmantel

Lange übernahm vor einigen Jahren die Überreste der Alten Ölmühle, ein ziemlich großer, denkmalgeschützter Komplex aus rotem Backstein. Stück für Stück nahm sich Lange in den letzten Jahren das Gebäudeensemble vor und sanierte es. Zuerst wurde im November 2009 die Schaubrauerei eröffnet, wo heute in einem kupfernen Maisch- und Kochkessel drei Sorten des Gerstensafts produziert und auch nur hier vom Fass ausgeschenkt werden. »Dadurch, dass HerzBräu nicht gefiltert wird, bleiben alle Vitalstoffe, die Gerstenmalz, Hopfen und Hefe hervorbringen, im Bier erhalten«, erläutert Lange.

Auch im Restaurant des Hauses findet sich das Bier wieder: So wird auf der Speisekarte Schweinefilet vom Prignitzer Landschwein im Biertreber-Senf-Schinkenmantel und HerzBräu-Biertreber-Sauce kredenzt. Wer mag, kann sich auf dem Gelände gleich ein paar Tage einquartieren. Das 2011 eröffnete Hotel bietet 64 Betten in Einzel- und Doppelzimmern sowie in Appartements und Suiten. Die Gäste blicken entweder auf die Elbe und die Strandbar samt Liegestühlen und Beachvolleyballfeld oder auf die Elblandbühne und die voluminösen Speicher des Industriedenkmals. Dort hat Lange einen Kletterseilpark und ein vier Meter tiefes Tauchbecken bauen lassen. Ob ich Lust habe, loszulegen?

Kletterer in der Ölfabrik in Wittenberg in der Prignitz

Frank Störbrauck

Ich winke ab. Bin viel zu müde. Ich schnappe mir meinen Rucksack und mache mich auf den Weg durch die Wiese hinunter zum Wasser. Die Elbe hat lange genug auf mich gewartet.

Anreise. Wittenberge hat einen IC- und EC-Bahnhof, von Berlin ist man in 54 Minuten und von Hamburg in einer Stunde und neun Minuten mit der Bahn dort!

Übernachtung. Hotel Alte Ölmühle, Bad Wilsnacker Str. 52, 19322 Wittenberge, Tel. 03877 567994600, DZ ab 99 Euro pro Nacht.

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