Was uns in der Redaktion alle vereint, ist die große Leidenschaft fürs Reisen. Dass es dabei nicht immer nach Plan läuft, gehört dazu. Im Wechsel stellen wir euch unsere größten Reise-Fails vor. Teil 16 kommt von Chefredakteurin Jenny, die in Kanada ins Eis eindrang und dann einen der besten Tage ihres Lebens hatte.
Eine Wanderung durch die Tundra von Manitoba in Kanada klingt zunächst nach großem Abenteuer. Wann läuft schon jemand durch eine Landschaft ohne Bäume, ohne Berge, nur flaches Land, niedrige Sträucher und viel Himmel?
Dabei wirkt die Tundra immer leer, doch sie lebt. Irgendwo streift ein Vielfraß umher. Einen habe ich tatsächlich gesehen. Oder besser gesagt: fast. Das Tier huschte so schnell vorbei, dass sich sein Antlitz nicht einmal im Gedächtnis festsetzen konnte. Ab und an ein Schneefuchs oder ein Hase. Sagen wir es so, es ist immer aufregend, wenn etwas durchs Gebüsch huscht.
Und dann gibt es da noch den eigentlichen Star dieser Landschaft: den Eisbären. Den König der Tundra. Ehrlich gesagt auch der Hauptgrund für unsere Wanderung durch die Einsamkeit.
Luxusreise ins Reich der Eisbären
Wer Eisbären in freier Wildbahn sehen möchte, landet früher oder später in Churchill. Der kleine Ort an der Hudson Bay gilt als Hauptstadt der Eisbären.
Unsere Lodge lag allerdings nicht direkt dort. Ein rund 25-minütiger Helikopterflug führte hinaus in die Wildnis Manitobas, weit weg von Straßen, Städten und allem, was nach Zivilisation aussah. Dort verbrachte ich mit einer kleinen Gruppe Reisender eine Woche mitten im Reich der Eisbären.

Illustration: Gemini
Ein günstiges Vergnügen war das nicht. Etwa 25.000 kanadische Dollar kostete der Aufenthalt pro Person. Zugegeben: Die Reise liegt ein paar Jahre zurück. Doch auch damals galt sie als luxuriöses Abenteuer.
Dafür lief der Aufenthalt wie ein gut organisiertes Expeditionsprogramm. Vollverpflegung in der Lodge, ein bisschen Abendentertainment und dazu zweimal täglich geführte Ausflüge hinaus in die Tundra.
Genau auf einem dieser Ausflüge befanden wir uns gerade. Und wie immer führte der Weg zu Fuß durch die weite, stille Landschaft.
Auf der Suche nach dem König der Arktis
Die Bedingungen wirkten zunächst idyllisch. Etwa minus fünf Grad, klare Luft und eine endlose, ja bildschöne Weite. Wir stapften in schweren Boots über den Permafrost, Schritt für Schritt hinter unserem bewaffneten Guide her. Schließlich bewegten wir uns auf Eisbär-Terrain. Und auch wenn deer Bär kuschelig aussieht, möchte man sich nicht mit ihm anlegen.
Die Gruppe ging konzentriert. Augen wanderten über den Horizont, Kameras hingen griffbereit vor der Brust. Und tatsächlich tauchten ab und zu Eisbären auf. In solchen Momenten verstummte die Gruppe sofort. Niemand sprach. Kameras klickten leise. Der Guide beobachtete jede Bewegung der Tiere. Immer ein Highlight mit reichlich Adrenalin. Oder waren es doch Glückshormone?
Die Wanderung verlief ruhig, fast meditativ. Bis zu dem Moment, in dem ich beschloss, nicht mehr auf den Boden zu schauen.
Der Moment, in dem alles ins Wasser fiel
Der Schritt sah harmlos aus. Wahrscheinlich war es ein zugefrorener Tümpel. Wahrscheinlich trat ich genau auf die dünnste Stelle. Typisch für mich. Wirklich. Ich bin eben ein echter ausgewachsener Tollpatsch. Und plötzlich gab das Eis nach.
Ein dumpfes Knacken, ein kurzer Ruck, und mein rechter Stiefel verschwand bis zum Knöchel im eiskalten Wasser. Das Wasser wiederum verteilte sich gründlich in meinen drei Paar Socken. Den Stiefel wieder herauszuziehen entwickelte sich zur kleinen akrobatischen Aufgabe, denn der andere Fuß sollte schließlich trocken bleiben.
Unser Guide warf sich auf den Boden. Gewichtausgleich erklärte er. Er wolle schließlich nicht einbrechen. Mein Kopf wurde rot. So viel Aufmerksamkeit ist nicht gut für mich. Und dann auch noch so negative. Denn eins stand fest: Der Ausflug war beendet. Mit nassem Fuß durch die Tundra zu laufen, bei diesen Temperaturen, kam nicht infrage. Wir mussten zurück zur Lodge.
Das kleine Einmaleins der Reiseausgaben
Der teure Ausflug war buchstäblich ins Wasser gefallen. Die Laune der gesamten Gruppe auch. Schuld war der Stinkstiefel. Damit meine ich jetzt meine Fußbekleidung und nicht den australische Apotheker, der mit seiner Frau zu unserer Gruppe gehörte, und nicht müde wurde, mir auf dem Rückweg vorzurechnen, wie viele Dollar, denn nun mein Missgeschick ihn kostete. Argumentativ war ich da eindeutig unterlegen. Wahrscheinlich habe ich versucht, ihn mit einem treusten Dackelblick zu beschwichtigen. Scham pur, ehrlich.

Illustration: Gemini
Mit tropfendem Stiefel und einem ordentlich schlechten Gewissen stapfte ich zurück zur Lodge. Mein Schuh wurde schwerer mit jedem Schritt, mein Stolz ebenfalls.
Vor der Tür stellte ich den Stiefel ab, damit er trocknen konnte. Ein kleiner Akt der Schadensbegrenzung. Er stank auch bestialisch, was auch immer für Flüssigkeit in diesem Tümpel war, Trinkwasser war es garantiert nicht.
Zwei unerwartete Gäste
Offenbar entwickelte mein Stiefel ein ziemlich intensives Aroma. Denn kurze Zeit später kam tierischer Besuch. Nicht einer, nein gleich zwei Eisbären.
Die Tiere folgten der Spur bis zur Lodge, spazierten bis auf die Veranda und blickten neugierig durch die Fenster. Ja, klingt als hätte ich es mir ausgedacht. Habe ich aber nicht. Anschließend widmeten sie sich ausgiebig meinem Stiefel, schnüffelten interessiert und prüften den Geruch offenbar sehr genau.

Illustration: Gemini
Ich war ehrlich gesagt erleichtert, dass keiner der beiden beschloss, das gute Stück mitzunehmen.
In der Lodge entstand währenddessen eine kleine Fotosession. Bewohner standen an den Fenstern, Kameras klickten im Dauerbetrieb. Zwei Eisbären direkt auf der Veranda sehen Gäste schließlich auch in der Tundra nicht jeden Tag.
Und ich saß im Sessel, starrte nach draußen und konnte mein Glück kaum fassen. Auge in Auge mit einem Eisbären. Und ich – ja ich – habe all den Bewohnern mit meinem Ungeschick diesen Moment geschenkt. Übertrieben? Fair. Könnte sein.
Ein Lunch mit leichter Nervosität
Zum Lunch mussten wir anschließend kurz in ein anderes Gebäude wechseln. Der Weg war nicht weit, aber plötzlich fühlte er sich deutlich spannender an als zuvor. Niemand wusste genau, ob einer der Eisbären noch irgendwo in der Nähe unterwegs war.

Illustration: Gemini
Also zog die kleine Gruppe los. Ausgestattet mit Schneebällen, ein paar Steinen und auffallend lauten Gesprächen. Sicherheit durch Geräuschkulisse.
Zum Glück ließ sich kein Polarbär mehr blicken. Wenig später saßen alle wohlbehalten beim Mittagssüppchen.
Der teuerste Stiefel der Reise
Ich setzte mich übrigens nicht neben den australischen Apotheker aus unserer Gruppe. Dessen Laune war sichtlich besser als vor ein paar Stunden. Seine Mimik mir gegenüber hatte sich aber eindeutig nicht verbessert. Er konnte meine Beteiligung an seinem Reiseglück anscheinend nicht erkennen. Ich hätte es ihm vorrechnen können, wie hoch die Wahrscheinlichkeit wäre, so ein tolles Foto ohne meinen Stinkstiefel gemacht zu haben. Und wieviel Dollar ist so ein Foto und Erlebnis eigentlich wert? Aber die Rechnung hätte ohnehin nur ein Ergebnis gehabt. Unbezahlbar.
Auf unserem Kanada-Blog #kanadastisch erfährst du alles rund um die Reise zu den Eisbären in Manitoba.
Die passende Reportage von Jenny über ihre Reise in die Tundra in Manitoba liest du hier.
