Wir hatten lediglich einen groben Plan in der Tasche, als meine beste Freundin Tina und ich in Cancún landen. Das Ziel: der Weg. Dem Luxus zu frönen, dort zu bleiben, wo es uns gefällt. Einzig den Atitlán-See im Süden Guatemalas möchten wir erreichen. Ein Roadtrip im Süden Mexikos bis nach Guatemala – zwischen kolonialen Prachtstädten, jahrhundertealten archäologischen Stätten, farbintensiven Märkten, dem schönsten See der Welt und einem Lagunenparadies. Text: Ulrike Klaas

Carolyn empfängt uns im langen Gewand. Ein Zimmer für drei Nächte? Da hätten wir Glück, sie habe noch genau eines. Sie führt uns über eine saftig grüne Wiese, auf der Hängematten und Liegestühle in der Sonne entspannen und Palmen Schatten werfen. Fast bin ich geblendet, so intensiv setzt die mexikanische Sonne die Szenerie in Farbe. Die Wiese mündet an einen Holzsteg, der sich über eine Lagune streckt, die so türkisfarben leuchtet, als sei der Kontrast stark in Photoshop angezogen worden.

Die Laguna Bacalar, ein Katzensprung vom Karibiktraum Belize entfernt, ist der perfekte Ort abseits der Touristenzentren an der Ostküste Mexikos, um am Wasser zu relaxen und die letzten bewegten Tage beim Sonnenbaden Revue passieren lassen. Bacalar, im Süden der Ostküste, ist ein paradiesisches, verschlaf­enes Nest, wo morgens um acht lediglich Kinder auf dem Schulweg und diverse Hunde die Straße bevölkern. Es gibt drei winzige Supermärkte und ebenso viele Lädchen mit Souvenirs, von denen bei näherer Betrachtung teilweise kleine Staubwölkchen aufwirbeln.

Die Mitreisenden packen Schal und Mütze aus. In Mexiko!

Elf Tage zuvor. Cancún – Busterminal. Hier könnte man unbesorgt vom Boden essen. Unermüdlich wischt die Dame um die Füße der Wartenden. An diesem Morgen haben sich Einheimische und viele Backpacker im Terminal versammelt. Nach und nach werden die ankommenden Busse über Lautsprecher aufgerufen, woraufhin sich die Abfahrenden vor einer Glastür versammeln, die zum Gate führt. Dort steht ein Uniformierter, eine Mischung aus Chauffeur und Marineoffizier – und geleitet uns zum Bus. Unorganisiert und definitiv ein geringerer hygienischer Standard – das waren meine Vorstellungen von Mexiko.

Doch bereits am ersten Tag werde ich eines Besseren belehrt. Wir nehmen Platz im abgedunkelten Bus. Die älteren Damen in der ers­ten Reihe scheinen reiseerfahren. Zunächst irritiert, spätestens nach zehn Minuten voller Neid, registrieren wir, dass sie sich mit Schal, Mütze und Handschuhen ausgerüstet haben. Die Temperatur nähert sich gefühlt dem Gefrierpunkt. Doch zum Glück bin ich abgelenkt. Flachbildfernseher fahren surrend herunter, und ein Gruselschocker nach dem nächsten flimmert über den Bildschirm. Mit Musik aus meinen Ohrstöpseln übertönen? Fast unmöglich. Sitzen nicht auch Kinder im Bus?

Unser nächster Stopp: Mérida

Vier Stunden später spuckt uns der Bus tiefgefroren, leicht paralysiert und mit geringem Hörvermögen in Mérida aus. Nach der Hotelbettenhochburg Cancún ist die Hauptstadt des Bundesstaates Yucatán sehr hübsch anzusehen. Einst müssen die Gebäude blütenweiß erstrahlt sein. Heute tragen die Kalksteingebäude die Zeichen der Zeit. Wir leihen uns Fahrräder, bahnen uns einen Weg durch den dichten Verkehr der 900000-Einwohner-Stadt – vorbei an prachtvollen Bauten aus dem 16. Jahrhundert, die den kolonialen Charme Méridas bis heute bewahren.

Blick auf die Kathedrale in Merida, Mexiko

Brandon Bourdages/Shutterstock.com

Wie die Kathedrale mit ihrer Renaissancefassade, die auf den Resten eines zerstörten Maya-Tempels erbaut wurde. Die Nachfahren der Maya treffen wir auf dem Mercado Municipale, wo sie das feilbieten, was die Erde ihnen gibt. Ob alt oder jung, tragen sie die typische Kluft, den Huipil, ein leuchtend weißes Kleid, verziert mit bunten Borden. Am Abend macht sich Mérida Fiesta-fein. Die größte Stadt der Halbinsel ist gerne gesellig. Open-Air-Konzerte, Musik- und Tanzdarbietungen von städtischen Tanzgruppen oder Folkloreveranstaltungen finden beinahe jeden Abend statt.

Acht Stunden Busfahrt, endlich in Palenque

Nach zwei Tagen steht uns der Sinn nach Neuem. Ein Luxus, das zu tun, wonach uns gerade zumute ist. Ein Luxus, der sich weniger an komfortablen Unterkünften oder Sterneküche misst. Für eine Reiseredakteurin ist das Reisen meist eine vorprogrammierte Abfolge eines Zeitplans, den es unbedingt einzuhalten gilt. Die Zeit, die man an einem Ort oder in einem Land verbringt, ist meist knapp bemessen. Reisen, wo man sich nach Herzenslust treiben lassen kann, sind selten.

Nach acht Stunden Busfahrt vorbei an kargem, plattem Land, wo ab und an ein Schild am Straßenrand auf eine Ranch verweist, steht mir allerdings der Sinn nach einer ausgiebigen Dusche. Palenque ist ein tropisch-klammes Dschungelparadies. Die Stadt Santo Domingo de Palenque ist wenig sehenswert, allerdings kommen die Touristen auch nicht ihretwegen. Die Maya-Ruinen Palenques liegen wunderschön eingebettet in einen tropischen Regenwald etwas außerhalb. Wir haben uns bewusst gegen den Klassiker und Superlativ der Maya-Stätten, Chichen Itza, entschieden.

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Palenque war wohl ein Ort voller Magie

Palenque ist etwas intimer, etwas weniger überlaufen und verströmt die Aura einer im Urwald versunkenen, wiederauferstandenen Stadt. Kleine Pfade verbinden die opulenten, vom Grün umrankten Bauten. Die steilen Stufen hinauf auf die Tempel und Pyramiden mit ihren markanten Mansardendächern zu kraxeln, erfordert Konzentration und Trittfestigkeit, denn der Regengott meint es heute zu gut mit uns. Es muss ein Ort voller Magie gewesen sein, als von 300 bis 900 n. Chr. das mächtige palenquische Herrschergeschlecht Pacals vom Urwald aus die Geschicke seines Reiches leitete. Welche Schätze der Urwald noch verschlungen hält, ist ungewiss. Erst ein Drittel der immensen Anlage ist ausgegraben.

Unser nächster Stopp ist Zufall und gleichzeitig ein Glücksfall. Viele Wege führen nach Guatemala, aber nur einer über San Cristobal de las Casas, und dieser scheint der unkomplizierteste. Tags zuvor waren wir von Reiseagentur zu Reiseagentur getingelt. Der Grenzübertritt nach Guatemala schien zu einer Grenz­erfahrung auszuufern. Ohne Spanischkenntnisse wären wir wahrscheinlich in Palenque gestrandet. Ein kleiner Nachteil, wenn man spontan nach Herzenslust reist und man zunächst Vorstellung und Umsetzung übereinbringen muss.

Von San Cristobal zum Atitlán-See im Süden von Guatemala

»Ein Jammer, wenn wir diese Stadt nicht gesehen hätten«, meint Tina. Die Luft ist so klar und rein, wie es nur in Bergdörfern der Fall ist. Schließlich befindet sich die Kolonialstadt auf 2100 Metern Höhe, umgeben von Tannen- und Fichtenwäldern. Käfer und alte VW-Busse rattern über das Kopfsteinpflaster der Straßen, die mexikotypisch ordentlich wie ein Schachbrett verlaufen.

San Cristobals Fassaden der Kolonialbauten sind farbenfroh renoviert, und die Indígena, die Ureinwohner Mexikos mit ihren bunten und wild gemusterten Trachten, sind allgegenwärtig. Wirklich sehenswert ist auch die Kirche Santo Domingo, errichtet von den Dominikanern. Ihre Fassade ist so prachtvoll und übersäht mit Details, dass mir irgendwann der Nacken schmerzt vom Hinaufschauen. Zeit, den Blick nach unten zu richten, denn vor der Kirche erstreckt sich ein bunter Textil- und Kunsthandwerksmarkt, der einer der besten und vielseitigsten Märkte sein wird, die wir auf unserer Reise besuchen werden. Nette Cafés, gemütliche Restaurants und lauschige Weinbars vertreiben zusätzlich den Tag.

Schöner geht nicht: der Atitlán-See in Guatemala

Die leichte Wehmut, die uns beim Abschied von San Cristobal überfällt, ist im Nu verflogen, als wir unser Ziel erreichen: den Atitlán-See im Süden von Guatemala. Heute früh liegt er spiegelglatt da, sodass die drei Vulkane, die ihn umgeben, sich in ihrer vollkommenen Schönheit darin bewundern können. Die drei 3000 Meter hohen feuerspuckenden Berge scheinen weichgezeichnet, und das Panorama zeigt sich so malerisch, als habe es bei der Schöpfung an erster Stelle gestanden.

Blick auf den Atitlan-See in Guatemala

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Der See versorgt die 350000 Einwohner der näheren Umgebung mit Trinkwasser. Die Hälfte der Guatemalteken ist indianischen Ursprungs, am Atitlán-See gehören fast alle zu einem der knapp zwei Dutzend Maya-Völker des Landes. Die Menschen arbeiten als Kaffeepflücker, Fischer und Kunsthandwerker. Es ist ein einfaches Leben, das die Maya führen. Und sie sind stolz darauf.

Am Mittag schippern wir von Panajachel aus über den See – entlang steiler Kraterwände nach San Marco, San Juan, San Pedro und Santiago – bis auf Letzteres charmante kleine Örtchen, wo teils Althippies mit Einheimischen zusammenleben und die die ein oder andere Yogaschule oder ein Ashram eröffnet haben. Rund um den See haben sich auch viele deutsche Rentner niedergelassen, die auf 1500 Metern Höhe das Panorama und die trockene Luft genießen. Auch beim nationalen Tourismus ist der See eines der Topziele. Dennoch rangiert die Region in der Liste der ärmsten Bezirke Guatemalas ganz weit oben. Das Geld, das die Touristen bringen, heimsen die Hotels und die großen Reiseveranstalter ein.

Am Morgen strahl der See stahlblau

Auf der Aussichtsterrasse in Panajachel haben sich kichernde Mädchengruppen in Trachten, Familien, die ihre Kinder vor dem See drapieren, und ältere deutsche Paare, die Umstehende als Fotografen einspannen, versammelt. Der See ist ein Fotomodell der Topriege. Kein Wunder, denn er ist so wandelbar, wie es Fotografen von jedem Supermodel erwarten. Am Morgen strahlt er stahlblau mit dem Himmel um die Wette. Am Nachmittag funkelt er wie eine überdimensionale Fläche aus Salzkristallen, und in der Abendsonne schimmert er wie geschmolzenes Gold. Rund um den See gibt es viel zu erleben.

Ob nun Wanderungen hinauf durch den Regenwald auf die Vulkane oder die farbenprächtige Märkte der Umgebung, wo sich tatsächlich kaum Touristen tummeln wie in Sololá. Wer das Örtchen oben auf dem Berg besucht, sollte unbedingt auch einen kurzen Abstecher zum Friedhof unternehmen, wo bunte Mausoleen in Reihe stehen und man einen fantastischen Blick auf den See und die Vulkane hat.

Barockes in Antigua

Ebenso ein Muss: der Besuch der einstigen Hauptstadt der spanischen Kolonien in Zentralamerika, die seit 1979 zum Weltkulturerbe zählt. Antigua, circa 90 Kilometer entfernt vom Lago Atitlán, entwickelte sich ab 1543 zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Mittelamerikas und stand damit Metropolen wie Mexiko-Stadt oder Lima in nichts nach. Heute zeugt die barocke Kolonialarchitektur vom Reichtum vergangener Jahrhunderte – und das unebene Kopfsteinpflaster von viel Leid, hervorgerufen von starken Erdbeben, die die Stadt immer wieder aufrüttelten.

Blick auf die Kolonialstadt Antigua in Guatemala

Kobby Dagan/Shutterstock.com

In Antigua beginnt unser Reise-Countdown. Über das verregnete Belize geht es zurück über die Grenze nach Mexiko. So landen wir schließlich in der Laguna Bacalar bei Carolyn – nach elf Tagen, 2700 Kilometern und einer Reise nach Herzenslust. »Wenn wir Rentner sind, fahren wir dann noch einmal zum Aitilán-See?«, fragt Tina mich abends auf dem Steg, als die Sonne fulminant hinter der Lagune versinkt. Nichts lieber als das! An manchen Orten lässt man ein Stück von seinem Herzen zurück. Ob wir allerdings wieder den Weg zum Ziel machen? »Vielleicht fliegen wir dann direkt nach Guatemala City«, meint Tina. Gute Idee! Luxus passt sich dem Alter an.

Anreise. Mit Condor direkt von Frankfurt a. M. nach Cancún. www.condor.de

Unterwegs. Haupttransportmittel in Mexiko sind die Busse, die bis in den letzten Winkel des Landes fahren. Es gibt drei Kategorien – von Luxus bis 2. Klasse. Alle Busse sind in einem Topzustand. Im Süden Mexikos verkehrt die Busgesellschaft ADO. Tickets direkt am Busterminal oder unter: www.ticketbus.com.mx

Info. www.visitmexico.com, www.visitguatemala.com. Weitere Informationen in unserem Reise-Guide über die Region.

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