Für alle jene, die nach 1989 geboren wurden, ist sie nicht mehr als eine vage Vorstellung aus den Geschichtsbüchern: die Sowjetunion. Ein streng kommunistisches Regime, wo Besitz und Konsum nicht auf der Tagesordnung standen und wo jeder nach den Wünschen des Staates lebte. Wer heute noch einmal erleben möchte, was dies bedeutete, muss schon nach Nordkorea, Kuba oder … Spitzbergen reisen.

Der Archipel im Arktischen Ozean unter norwegischer Verwaltung hat nämlich noch einige russische Bergarbeiterdörfchen, die in Zeiten des Kommunismus erbaut wurden. Jetzt, da der Bergbau in Spitzbergen auf kleiner Flamme läuft, setzen diese Dörfer auf den so genannten Sowjettourismus.

Steinkohleabbau ab 1920

Hotels in kommunistischem Stil, eine eigene Brauerei und jede Menge Relikte aus längst vergangenen Sowjetzeiten lassen den Besucher erleben, wie das Leben in den Zeiten der Sowjetunion ausgesehen haben muss. Sowohl Barentsburg, Pyramiden als auch Grumant sind im Sommer mit dem Schiff zu erreichen, während im Winter von Longyearbyen aus Schneemobil-Safaris organisiert werden.

Wer sich fragt, warum sich auf norwegischem Territorium drei russische Siedlungen befinden, muss zurückgehen bis zum »Svalbard Treaty«. Dieser aus dem Jahr 1920 stammende Vertrag bestimmt, dass die Unterzeichner des Vertrags wirtschaftliche Aktivitäten auf Spitzbergen ausüben dürfen. Die Sowjetunion machte als eines der ersten Länder gerne von diesem Vertrag für den Abbau von Steinkohle Gebrauch. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Anwesenheit der Russen in Spitzbergen vor allem strategisch bedeutsam. Und jetzt gibt es also auch den Tourismus.

Barentsburg – vom Bergbau zum Tourismus

Als das von den Niederländern gegründete Barentsburg (als Ehrerbietung an den Entdecker von Spitzbergen, Wilhelm Barents) 1926 notgedrungen seine Bergbauaktivitäten verkaufen musste, gelangte das Städtchen in die Hände der Russen. Sie bauten die Bergbauaktivitäten weiter aus, bis Barentsburg ein Bergbaudorf mit über 1.000 Einwohnern wurde. Inzwischen hat sich die Zahl der Einwohner auf rund 400 reduziert. Sie leben noch immer größtenteils vom Bergbau, haben aber auch seit Kurzem den Tourismus entdeckt.

So werden im Sommer von Longyearbyen aus Schiffsexkursionen nach Barentsburg organisiert. Wer möchte, kann im renovierten Barentsburg Hotel übernachten oder das Pomoren-Museum zum Thema Seefahrt besuchen. Auch ein Bierchen in der Barentsburg-Brauerei, der offiziell nördlichsten Brauerei der Welt, zu trinken, ist eine der möglichen Unternehmungen. Das Besondere an Barentsburg sind die modernistischen Gebäude im Sowjetstil und das Standbild von Lenin mitten im Dorf.

Lenin-Statue in Barentsburg auf Spitzbergen

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Im Winter werden die 55 km zwischen Longyearbyen und Barentsburg mit dem Schneemobil überwunden, weil die Fjorde dann zugefroren sind. In der Nähe von Barentsburg kann man auch Ski fahren.

Pyramiden: Geisterstadt und touristische Kuriosität

Insofern überhaupt möglich, regt Pyramiden die Fantasie noch mehr an als Barentsburg. Die Schweden benannten diesen Ort nach dem kegelförmigen Berg, an dessen Fuß das Städtchen liegt. Aber genau wie in Barentsburg waren es die Russen, die die Bergbauaktivitäten der Schweden übernahmen und weiter ausbauten. In seinen Hochtagen war Pyramiden die größte Siedlung in Spitzbergen mit über 1.000 Einwohnern. Als 1998 die Steinkohlelagerstätten erschöpft zu sein schienen, wurde Pyramiden geschlossen und ein wahrer Exodus setzte ein.

Pyramiden auf Spitzbergen

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Momentan wohnen dort noch rund ein Dutzend Menschen, die sich um die Unterhaltung der vielen, noch aus der Bergbauzeit stammenden Gebäude kümmern. So wurde Pyramiden zu einer echten Geisterstadt, die eine noch nie dagewesene Anziehungskraft auf so manchen Abenteurer und Historiker hat. Ab Longyearbyen werden im Sommer und Herbst Schifffahrten nach Pyramiden organisiert. Im Winter gelangen Sie auch mit dem Schneemobil dort hin. Übernachten kann man in Pyramiden im Hotel Tulpan, das 2013 renoviert wurde und wo die Sowjetatmosphäre nur so von den Wänden trieft.

Mit dem Speed-Boot zur Geisterstadt Grumant

Ein drittes, weniger bekanntes und weniger zugängliches russisches Bergarbeiterdorf ist Grumant. Die Russen brachen dort 1961 als die Erträge sanken alle Bergbauaktivitäten ab. Heute ist das Dörfchen komplett verlassen und die Gebäude sind eher Ruinen. Ab Longyearbyen werden aufgrund der komplizierten Lage und des relativ großen Abstands nach Grumant Tagestouren mit dem Speed-Boot organisiert. Sie fahren in einem offenen Boot durch das beeindruckende Isfjord und bewundern die zahlreichen Vögel, die hier im Sommer nisten. Unterwegs kommen Sie auch am früheren norwegischen Bergarbeiterdorf Hiorthhamm vorbei, das momentan ebenfalls verlassen ist.

Beste Reisezeit: Ende Oktober bis Mitte Februar

Svalbard ist ein Reiseziel, das vom Rhythmus der Jahreszeiten lebt. Von Ende Oktober bis Mitte Februar bleibt es dort 24 Stunden lang dunkel (die so genannte ‚Dark Season’). Ideal für alle, die das Polarlicht spotten wollen oder eine Safari mit dem Schneemobil machen möchten. Von Mitte Februar bis Ende April werden die Tage allmählich länger, bis die Sonne 24 Stunden lang am Himmel bleibt. Dieser Zeitraum bietet noch immer winterliche Szenen und eignet sich ideal für eine Ski-Expedition oder eine Tour mit dem Hundeschlitten.

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Die Sommerperiode, die von Mitte Juni bis Mitte August dauert, ist wiederum ein guter Zeitraum für eine Bootstour zu einer der russischen Siedlungen. Der Herbst fängt auf Spitzbergen schon früh an, ungefähr Mitte August, und dauert bis Mitte Oktober. In diesem Zeitraum werden die Tage sehr schnell kürzer und gegen Anfang Oktober können Sie das ganz spezielle »Twilight« oder Dämmerlicht erleben. Die Sonne ist dann schon hinter den Bergen verschwunden, bietet aber noch ausreichend Licht für eine prachtvolle blaue Glut am Horizont.

Spitzbergen ist vielleicht nicht das naheliegendste Reiseziel, aber es bestehen relativ viele Flugverbindungen. Es gibt z. B. tägliche Flüge zwischen Longyearbyen und dem Festland über Oslo oder Tromsø. Buchungen sind über SAS oder Norwegian Airlines möglich.

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