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Schmutz, Rauch und Abgase haben Kathmandu fest im Griff. Grau in grau muss man sich die  nepalesische Hauptstadt aber keineswegs vorstellen: Streetart ziert verblüffend viele Wände. Unsere Kolumnistin Susanne lässt sich durch die bunten Strassen treiben lassen – und trifft eine  Künstlerin, die die Wandlung der Stadt zur Open-Air-Galerie maßgeblich mitprägt.

Den Roten Panda  sieht man schon von Weitem. Er thront an einer fleckig grauen Hauswand über der Bagmati Bridge – einer der Brücken, die Kathmandu mit dem südlich angrenzenden Distrikt Lalitpur verbinden. Tausende Bewohner überqueren sie täglich, das angemalte Tiergesicht im Origami-Stil immer im Blick. Auch mich führt der Weg zur Arbeit in einer Sprachschule hier entlang. Der Panda zieht mich ein ums andere Mal in seinen Bann: Ein bisschen frech sieht er aus, erhaben über den Trubel unten auf der Brücke, über den Stau, die Abgase, das ständige Gehupe.

Trubelige STraße in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu

Susanne Helmer

Der Panda ist hier nur eines von vielen Kunstwerken. In Kathmandu wimmelt es nur so vor Streetart. Besonders viele gestaltete Flächen finden sich in Kupondole, Jawalakhel und einigen anderen Vierteln der Stadt Lalitpur, die mit Kathmandu eine Doppelstadt bildet. Aber auch im Zentrum der Hauptstadt, am Ufer des Bagmati und an den Rändern der Touri-Hochburg Thamel ziert Kunst unzählige Mauern und Wände – von kompakten Schablonen-Graffiti bis hin zu riesigen Murals. 

Streetart in Kathmandu: Es geht um Nepal, Toleranz und Umweltschutz

Ihre Vielfalt und Brisanz überraschen mich immer wieder. Ein Graffito in Kupondole etwa fordert Schutz für ungewollt schwangere Frauen. »Für das Recht auf eine sichere Abtreibung ohne Scham« steht dort auf nepalesisch unter einer weiblichen Silhouette geschrieben. Links daneben, wie um der Forderung Nachdruck zu verleihen, prangen hochhackige Schuhe mit dem Satz: »We are not in their shoes!« Unweit von hier lächelt mir ein einheimisches Paar von einer Mauer entgegen: ein Mann und eine Frau, deren Blutbahnen mit demselben Herzen verbunden sind. Das Wort »Gleichheit« steht in der Landessprache unter ihrem Porträt. Andere Werke drehen sich um Kinderarbeit, Erdbeben, gleichgeschlechtliche Liebe, Tier- und Umweltschutz. Erstaunlich viele thematisieren das religiöse Erbe des Landes und die nepalesische Identität. Später lese ich: Gemälde, die Tempel oder Gottheiten zeigen, haben die größte Überlebensdauer.

Rote Pumps zieren eine Hauswand in Kathmandu und fordern das Abtreibungsgesetz

Susanne Helmer

Kaum jemand würde wohl das Folgende bestreiten: Streetart wertet Kathmandu optisch auf. Zwar gibt es hier traditionelle Architektur und Holzschnitzkunst, zwar lugen hin und wieder die Gipfel des Himalayas malerisch hinter Hügeln hervor – ansonsten jedoch bietet die Stadt dem Auge nichts. Zu rasant ist sie in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, zu kompromisslos hat man sie zugebaut. Es fehlt ihr an Weite, an Vielfalt und an Grünflächen. Noch dazu kommt ihr Spitzname »Dustmandu« nicht von ungefähr: Kathmandu zählt zu den Metropolen mit der gravierendsten Luftverschmutzung weltweit. 

Die Kunstaktion »Color Kathmandu« hat die Stadt verändert

Für die Kunstwerke gilt: Gerade hier entfalten sie ihre Wirkung und leuchten einem mit aller Kraft entgegen. Ständig entdecke ich neue Porträts, Landschaften und Sprüche am Straßenrand. Dabei war hier vor einigen Jahren nicht an Kunst zu denken. Politische Propaganda und Bollywood-Filmplakate prangten stattdessen an den Wänden Kathmandus. Streetart hat das Gesicht der Stadt verändert – vor allem nach »Kolor Kathmandu«, einer Aktion, die die Künstlervereinigung »Sattya Media Arts Collective« 2012 ins Leben rief. Ihr Ziel: öffentlichen Raum zurückgewinnen und den Stadtbewohnern Kunst zugänglich machen. Mehr als 60 internationale und nepalesische Künstler fertigten innerhalb eines Jahres 75 großflächige Gemälde an, die die 75 Distrikte Nepals repräsentierten. Aus dieser Zeit stammt auch der Origami-Panda an der Bagmati Bridge: Der Amerikaner DAAS erschuf ihn, um den Distrikt Rasuwa abzubilden, wo die vom Aussterben bedrohten Roten Pandas beheimatet sind. Wenig später etablierte sich eine einheimische Streetart-Szene  – und heute präsentiert sich die südasiatische Metropole tatsächlich vielerorts wie eine öffentliche Galerie.

Zwei Street-Art-Werke in Kathmandu, Nepal

Susanne Helmer

Sneha Shrestha macht Streetart aus Sanskrit

Kunst ist für jedermann. Nach diesem Prinzip lebt und arbeitet auch Sneha Shrestha. Die Nepalesin ist in der Streetart-Welt als »Imagine« bekannt und hat inzwischen Wände auf der ganzen Welt gestaltet – in Boston und San Francisco, in Genf, Kopenhagen und Istanbul. Was ihre Werke einzigartig macht: Sie kreiert Graffiti aus Devanagari-Buchstaben, dem Alphabet, mit dem Nepalesisch, Sanskrit und einige moderne indische Sprachen wie Hindi geschrieben werden. »Diese Schrift ist Jahrhunderte alt und sehr ästhetisch. Sie verdient mehr Wertschätzung«, meint Sneha, die die geschwungenen Zeichen ohne Schablone an die Wand bringt. 

Kolumnistin Susanne vor Fisch-Grafitti in Nepal, Kathmandu

Susanne Helmer

Die Künstlerin malt Wörter und Gedichte in ihrer Muttersprache. »Mindful mantras«, nennt sie ihre Bilder, die nicht nur den Blick auf die Devanagari-Schrift verändern, sondern immer auch Nepal repräsentieren – und damit die Künstlerin selbst. »Meine Herkunft ist meine Inspiration«, sagt Sneha, die an der renommierten Harvard University in den USA Kunst und Pädagogik studiert hat. Bis heute lebt sie in Boston, kehrt aber so oft wie möglich in ihre Heimatstadt Kathmandu zurück. Bei einem ihrer letzten Besuche hat sie eine etwa zehn Meter lange Mauer mit der ersten Strophe eines Gedichtes versehen: »Natipnu hera kopila« (»Pflücke keine Blütenknospe«) heißt es, es stammt von dem nepalesischen Dichter Laxmi Prasad Devkota und mahnt zu Respekt vor der Natur. 

Street-Art-Künstlerin aus Kathmandu vor Graffiti

Susanne Helmer

Es regnet, als ich Sneha an ihrer Mauer im Stadtteil Hattisar treffe. Die kräftigen Farben ihres Murals – orange auf blau – spiegeln sich auf der nassen Fahrbahn. Ihr Heimatland manifestiert sich auch farblich in ihren Werken: »Orange ist die Farbe der Ringelblumen, die man überall in Nepal sieht«, sagt sie.

Im »Children’s Art Museum of Nepal« können Kinder kreativ sein

Zugang zu Kunst ermöglicht sie den Menschen in Kathmandu nicht nur, indem sie die Wände mit Streetart schmückt. Gleich neben ihrer Mauer befindet sich das »Children’s Art Museum of Nepal« (CAM), das Sneha 2013 gegründet hat. Die Einrichtung ist ein Ort, an dem Kinder ungestört mit Kunst experimentieren können. »Als ich klein war, gab es so etwas nicht. Kunst war Luxus. An den Schulen in Nepal wurde Kreativität nicht gefördert und das hat sich leider bis heute nicht geändert«, sagt die Pädagogin. Im CAM steht den kleinen Besuchern frei, was sie machen möchten. »Wir sind keine Lehranstalt. Kunst verstehen wir nicht als Fertigkeit, sondern als Ausdrucksmittel.« Sneha, die schon mit UNICEF Projekte für Kinder auf die Beine gestellt hat, weiß, wie sehr Kreativität das Selbstbewusstsein von Heranwachsenden stärken kann. 

Bastelraum im Children of Art Museum in Kathmandu, Nepal

Susanne Helmer

Statt Unterricht gibt es im CAM Workshops, Malpartys und Ausstellungen. So eine Ausstellung findet hier auch morgen statt. Praktikantin Katherine hängt gerade Bilder von kleinen Kunstschaffenden auf, als ich das Museum betrete. Ich stehe in einem lichtdurchfluteten Raum mit bunten Wänden und allerhand Deko-Elementen. Im Nebenzimmer befinden sich ein Bücherregal und ein Waschbecken, über dem Becher mit Pinseln aufgereiht sind. Auf einem Tisch in der Mitte liegen unzählige Mal- und Bastelutensilien. Ich stelle mir vor, mit wie viel Freude sich Kinder hier kreativ ausprobieren und verlasse das CAM mit einem Wunsch: Dass man ihre Stadt, wenn sie groß sind, nicht mehr »Dustmandu« nennt. Sondern vielleicht »Artmandu«.


Die Namen der Künstler, soweit der Autorin bekannt:

  • »Roter Panda«: DAAS
  • »Kathmandu«: DAAS
  • »We will rise«: ART LAB
  • »Fisch«: Danné Brissonnet
  • »Tigerkopf«: Dustin Spagnola
  • »Vishnu from Venus«: Shraddha Shrestha a.k.a. Deadline
  • »Recht auf Abtreibung«: Loom / Right here, right now

susanne helmer

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