Wenn sich in Berlin der Herbst ankündigt, es in den Parks und Straßen grau und schmuddelig wird, muss ich weg. Ab in den Süden. Noch etwas Sonne tanken, den Sommer für ein paar Wochen verlängern. Seit Jahren fliege ich in dieser Zeit nach Tel Aviv, der vibrierenden israelischen Metropole am Mittelmeer. Strand oder Stadt, Entspannung oder Nightlife? In Tel Aviv sind das keine Gegensätze. Ein kurzer, ganz persönlicher Stadtspaziergang in fünf Stationen. Text: Philipp Eins

Erste Station: Levinsky Market – gut versteckt und authentisch

Der trubelige Carmel Market ist der wohl bekannteste Markt in Tel Aviv. Etwas kleiner, versteckter und weitaus weniger verramscht aber ist der Levinsky Markt rund um die gleichnamige Straße.

Vom zentralen Busbahnhof gelange ich in etwa 15 Minuten zu Fuß dorthin. In den von zweigeschossigen kalkfarbenen Häusern begrenzten Gassen gibt es einfach alles.

Buntes Treiebn auf dem Levinsky Markt in Tel Aviv

Philipp Eins

Gewürzhändler, die Kräuter, Pistazien, Mandeln und getrocknete Datteln anbieten. Andere Läden führen Spezialitäten der jüdischen Küche, von Osteuropa bis zur Levante – eingelegte Heringe, Falafel, aber auch Süßspeisen wie Halva und Baklava. Viele Besucher des Levinsky Markts sind Anwohner, die hier tagtäglich einkaufen.

Hinter der Synagoge verschachteln sich die Seitenstraßen. Ich lasse mich einfach treiben, laufe zwischen Blumenläden, Schneiderein, Modeboutiquen und kleinen Cafés entlang. Wie überall in Tel Aviv staut es sich. Autofahrer hupen pausenlos und beschweren sich lautstark durch geöffnete Fenster, dass es nicht vorwärts geht.

Sonnenbad bei Kirsch- und Pistazieneis

Die Gäste in den Straßencafés kann das nicht aus der Ruhe bringen. Besonders gut besucht ist das »Cafelix« in der Merhavia 6. Hier treffen sich Anwohner und Touristen, aber auch Studenten und Kreative. Sie arbeiten vor ihren Laptops oder lassen bei einem Milchcafé in der Sonne den Vormittag an sich vorüberziehen. Im Eiscafé »Gela« in der Levinsky 47 bestelle ich je eine Kugel Kirsch- und Pistazieneis. Das Sonnenbaden am Vormittag steckt an. Ich setzte mich an einen der runden Kaffeehaustische vor dem Geschäft und beobachte das bunte Treiben.

Besonders bunt wird es auf dem Levinsky Markt übrigens kurz vor Purim, dem jüdischen Karneval. Dann werden in den Läden auch Kostüme, Perücken und Masken angeboten. Auf den Straßen können einem dann schnell mal Rotkäppchen, Superman oder ein wandelndes Klapperskelet begegnen.

Zweite Station: Cinema Hotel – übernachten in einem alten Kino

Vom Levinsky Markt spaziere ich auf der King George Street Richtung Norden, biege dann in die Dizengoff Street ein, bis ich den Dizengoff Square erreiche. Ein vielbefahrener Platz, der mich in eine frühere Zeit zurückwirft. Die hellen, mehrgeschossigen Gebäude mit ihren glatten, funktionalen Fassaden sind überwiegend in den 30er-Jahren erbaut, entworfen im Bauhausstil.

Eines der Gebäude war früher das Esther Cinema. In den 40er-Jahren war das noble Kino mit seinen klimatisierten Räumen eines der kulturellen Hauptattraktionen von Tel Aviv. Hier wurden nicht nur Filme aus Hollywood und Europa gezeigt, sondern auch Theaterstücke aufgeführt und gelegentlich sogar Predigten und Boxkämpfe abgehalten. Das Kino gibt es seit 1992 nicht mehr. Dafür aber das Cinema Hotel – eine ausgefallene Luxusherberge für Filmfans in der Zamenhoff Street 1.

Außergewöhnlich: Das Hotel Cinema in Tel Aviv

Philipp Eins

Schon die Lobby erinnert an die ungewöhnliche Geschichte des Hotels. Neben dem Empfang sind historische Filmvorführer und Filmrollen aufgestellt, an den Wänden hängen Fotografien des Gebäudes aus den 30ern. Einige Gäste haben es sich in schwarzen Ledersesseln mit schlankem Stahlgestell bequem gemacht, ganz im Stil von Le Corbusier.

Träum schön im Cinema

Fast schon museal wird es im ersten Obergeschoss. Über dunklen Caféhaustischen und ausrangierten Kinosesseln reihen sich Plakate von einigen der wohl berühmtesten Klassiker der Filmgeschichte: »Ben Hur«, der »Exorzist«, auch die Schnulze »Vom Winde verweht« entdecke ich hier. Welche Filme zu den Postern gehören, dürfen die Besucher erraten – die Titel sind auf Hebräisch.

83 Zimmer gibt es im Cinema Hotel, die Übernachtung kostet zwischen 140 und 160 Euro. Schade ist nur, dass der Vorführraum nicht erhalten wurde. Ein Brunch zu Filmklassikern fällt also aus. Entschädigt werden die Gäste aber mit einer weitläufigen Dachterrasse, auf der man seinen Morgenkaffee trinken kann – mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv. Manchmal sind solche Ausblicke besser als jeder Film.

Dritte Statdion: Kitchen Market – moderne israelische Küche am Hafen

Nach meinem Ausflug in die Filmgeschichte möchte ich endlich ans Meer. Ich biege die Frishman Street ein und erreiche nach kurzer Zeit die feinen Sandstrände an der Küste. Ein beliebtes Ziel für Jogger oder alle, die ins Wasser springen und sich abkühlen wollen. Die Mittagssonne hat den Sand so aufgeheizt, dass ich mir ohne Schuhe die Füße verbrenne. Ich schlendere also lieber die Strandpromenade entlang, immer Richtung Norden. Mein Ziel ist Tel Aviv Port, der Hafen in der nördlichen Innenstadt.

Hier trifft man sich: Strandpromenade von Tel Aviv

Elbud/Shutterstock.com

Nach etwa 30 Minuten bin ich da. Die Promenade belebt sich, Restaurants und Boutiquen werben um Gäste. Wellen brechen sich am Ufer. Ich möchte zum »Kitchen Market« im Hangar 12, einem unter Anwohnern und Geschäftsleuten beliebten Treffpunkt für einen Lunch mit Meerblick.

Ein Ort, für einen Koffeeinschock

Von weitem erinnert das »Kitchen Market« mit seiner aus Holzlatten verkleideten Fassade an einen Schiffsrumpf. Elektronische Loungemusik auf Englisch und Hebräisch wummert aus den geöffneten Fenstern. Im Innern: eine langgezogene Theke und einer halboffene Küche hinter einer Glasfront. Umso weitläufiger ist die Sonnenterasse mit Blick auf den Hafen, auf der ich Platz nehme.

Tel Aviv ist ein Eldorado für Feinschmecker

Davide Cantelli

Die Karte ist angenehm übersichtlich und vereint Klassiker wie Falafel mit moderner israelischer Fusion-Küche. Ich entscheide mich für Gnocchi mit Spinat und Tomaten, die in einer Sauce aus angebratenen und zerstoßenen Auberginen kommen (14,80 Euro). Die Auberginen bringen eine beinahe scharfe Würze und das Aroma von grobem Meersalz. Dazu passt ein Tuborg (6,20 Euro). Das dänische Bier ist in Israel recht beliebt.

Nach dem Essen lasse ich einen Espresso kommen. Danach einen zweiten. Die Sonnenterrasse möchte man freiwillig nicht so schnell wieder verlassen.

Vierte Station: Tel Aviv Museum of Art – zeitgenössische Kunst aus Israel

Vom Hafen aus nehme ich die Buslinie 9 Richtung Süden bis zur Haltestelle Courthouse. Gleich neben dem Familiengericht liegt das Tel Aviv Museum of Art – eines der bedeutendsten Museen für moderne und zeitgenössische Kunst in Israel.

Im Hauptgebäude, einem monumentalen Bau mit massiven Betonstählen, befinden sich neben Wechselausstellungen auch die Schauen zu Impressionismus und klassischer Moderne. Vom Hauptgebäude führt ein lichtdurchfluteter Gang in einen angegliederten Neubau, der mit seinen spitzwinkligen Fenstern und verschachtelten Gängen fast an ein Raumschiff erinnert. Auf den weitläufigen und hellen Flächen werden zeitgenössische Positionen in Fotografie, Architektur, Design, Malerei und Skulptur gezeigt.

Museum of Art in Tel Aviv

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Gegründet wurde das Tel Aviv Museum of Art bereits 1932. Viele der ausgestellten Werke haben einen besonderen Bezug zur Region. In den Arbeiten spiegeln sich Fragen nach Identität und Konflikten im Nahen Osten. Andere Künstler beschäftigen sich mit mediterranen Landschaften und jüdischen Traditionen.

Museum of Art - Tel Aviv

Opachevsky Irina/Shutterstock.com

Nach einem ausgedehnten Rundgang stärke ich mich mit einem Cappuccino in der »Pastel Brasserie & Bar«, die im Neubau liegt. Durch die langgezogene Fensterfront habe ich einen Blick auf den Skulpturengarten. Und bekomme langsam Lust, in den Abend zu starten. Natürlich mit einem Drink.

Fünfte Station: Bar French 57 – Cocktailbar für Anwohner

Dazu gibt es in Tel Aviv schier unendliche Möglichkeiten. Die Auswahl an Bars, Kneipen und Clubs ist groß. Ganz unaufgeregt geht es in der Bar »French 57« in der Brenner Street 2 zu, die ich in einem halbstündigen Spaziergang Richtung Süden erreiche. Hier treffen sich Nachbarn auf einen Cocktail oder einen gemütlichen Drink nach der Arbeit.

Gurte Anlaufstelle für einen Absacker nach der Arbeit: Bar French57 - Tel Aviv

Philipp Eins

An der langgezogenen Bar aus dunklem Holz sitzen schon am frühen Abend die ersten Gäste. Als ich den Laden betrete, greift der Barkeeper gerade einige Flaschen aus dem Regal, mischt und schüttelt zwei Drinks. Das schummrige Licht fällt auf Schwarzweißfotos an den Wänden, die Rahmen sind kurz vor Purim mit Lametta und bunten Federn behangen. Aus den Lautsprechern dringt leicht trashige Musik aus den 80ern und 90ern.

Ich bin mit Niva verabredet, meiner Cousine. Sie wartet bereits an der Bar. Normalerweise trifft sie hier immer ihre Dates, sagt sie und blättert gedankenverloren in der Getränkekarte. Was ich nehme? Ich frage den Barkeeper. Er empfiehlt mir einen Sazerac (12,50 Euro), einen klassischen Cocktail, der eng mit dem Old Fashioned verwandt ist. Im »French 57« wird er mit Cognac, Zucker, Wasser und einem Bitter gemixt. Er hat eine leicht rötliche Farbe und kommt mit Eis in einem Tumbler.

Schweinerippchen – eine Rarität

Der Drink ist angenehm bitter. Ganz anders als der Abend, der schnell feuchtfröhlich wird. Die Drinks gehen mit der Zeit immer lockerer über den Tresen. Dazu bestellen wir Snacks aus der New Orleans-Küche, unter anderem Schweinerippchen in süßer Marinade. Eine absolute Besonderheit – unkoscheres Fleisch gibt es auch im weltlichen Tel Aviv nur selten.

Besser hätte der Tag wohl kaum enden können, denke ich, als ich mit Niva später an der Strandpromenade entlangschlendere. Die Jungs, die vorhin noch ein paar Runden Beachvolleyball gespielt haben, sind längst verschwunden. Die Nacht in den Clubs von Tel Aviv fängt gerade erst an.

Wo, wie, was , wann

Anreise Easyjet fliegt im Herbst bereits ab rund 200 Euro hin und zurück von Berlin nach Tel Aviv. Aufgabegepäck kostet extra. Die israelische Fluggesellschaft El Al bietet mit ihrem Billig-Ableger Up sogar Rundflüge ab 180 Euro an. Auch hier muss für Aufgabegepäck extra bezahlt werden.

Reisezeit Israel liegt im Übergangsgebiet vom mediterranen Klima zum Wüstenklima. Die Sommerzeit ist trocken und heiß, die Winter sind feucht und mild. Während man an der Mittelmeerküste in Tel Aviv auch in Herbst und Winter oft nur einen Pullover für den Strandspaziergang braucht, kann es in den Bergen um Jerusalem nachts frostig werden.

Mobilität In Tel Aviv kommen Sie am besten zu Fuß oder mit einem Leihfahrrad voran. In den Straßen staut es sich häufig, mit dem Auto können Sie sich in dem undurchschaubaren System an Einbahnstraßen leicht verfahren. Denken Sie daran: Am Sabbat von Freitag bis Samstagabend fahren keine öffentlichen Busse in Israel, auch nicht in Tel Aviv. In dieser Zeit sind Sie aufs Taxi angewiesen. Wer Tel Aviv verlassen will, um sich andere Städte in Israel anzusehen, sollte die guten Bahnverbindungen nutzen.

 

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