Schwitzende Sitznachbarn, schreiende Babys, fader Einheitsbrei auf dem Tablett und bedrückend enge Plätze: Wer auf der Langstrecke Reißaus aus der Economy Class nehmen kann, macht das nur allzu gern. Die Business Class von United Airlines, Polaris heißt sie, befreit Reisende vom Ungemach der Holzklasse. Wir sind mitgeflogen. Text: Frank Störbrauck

Seit mehr als zwei Jahren hatte ich Glück, und der Krug ging an mir vorbei. Im Frühsommer vergangenen Jahres war es wieder so weit. Ich wurde kalt erwischt. Ich war unterwegs vom Mittleren Westen der USA nach Frankfurt. Langstrecke. Fast neun Stunden im Flieger. Da es sich um einen Nachtflug handelte, versuchte ich zu schlafen. Daran aber war überhaupt nicht zu denken. Das Schicksal teilte mir einen Unruheherd zu.

Ted, mein Sitznachbar, war eigentlich ein sympathischer Zeitgenosse. Freundliche Begrüßung, Frage nach dem Befinden, der übliche Small Talk halt. Wir redeten eine Zeit lang über Gott und die Welt. Er hatte eine seinen Mitmenschen gegenüber zugewandte, freundliche Art. Kurzum, ein kumpelhafter und jovialer Typ.

Nach dem Abendessen aber wurde es unangenehm. Ted entschloss sich dazu, ein »kurzes Nickerchen« zu machen. Und das war unüberhörbar. Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Sitznachbarn im Flieger hatte, der so laut schnarchte. Wahrscheinlich haben sich noch zehn Sitzreihen hinter uns die Passagiere ihre Gedanken über das besorgniserregende Brummen gemacht. An mein eigenes Nickerchen war jedenfalls nicht zu denken. An einen erholsamen Langstreckenschlaf schon gar nicht.

Mein erstes Mal in der United Polaris Business Class

Beim nächsten Mal aber meinte es Fortuna gut mit mir. Ich durfte in der Business Class Platz nehmen. Also dort, wo einem zur Begrüßung Champagner kredenzt wird, wo man die Beine richtig ausstrecken kann, wo man ein mehrgängiges Menü serviert bekommt, wo man einen riesigen Bildschirm zum Filmegucken sein Eigen nennen darf. Aber der Reihe nach …

Meine Reise führt mich dieses Mal nach San Francisco. Wer eine ungefähre Vorstellung von der Landkarte der USA hat, weiß: Da ist man ganz schön lang unterwegs. Viel länger als, sagen wir, nach Boston, New York oder Chicago. Rund zwölf Stunden dauert der Flug von Frankfurt nach San Francisco. Zumindest auf dem Papier. In der Realität ist es dann oft doch ein Stündchen weniger. Eine Fluggesellschaft, die neben der Lufthansa diese Strecke täglich bedient, ist United Airlines. Täglich ab 13:45 Uhr hebt die wuchtige Boeing 777-300ER Richtung US-Westküste ab, gelandet wird um 16:45 Uhr Ortszeit in San Francisco. Das Schwergewicht unter den US-Carriern wirbt seit geraumer Zeit mit seiner neuen »United Polaris Business Class«. Vielversprechend heißt es bei der Airline, man biete »ein neuartiges Konzept und besseren Schlaf auf internationalen Reisen, inklusive gehobenen Speisen und Getränken an Bord«.

Top: Der Check-in ist in fünf Minuten erledigt

Am Frankfurter Flughafen angekommen, geht es schnurstracks zu den United-Airlines-Check-in-Schaltern 501–506 im Terminal 1, Bereich B. Da ich ziemlich früh am Airport angekommen bin, bleiben mir noch fast drei Stunden bis zum Abflug. Die Schalter, sowohl die für Economy- als auch für den Business-Check-in, wirken verwaist. Ich scheine einer der ersten zu sein, der aufschlägt. Das zahlt sich aus: Binnen fünf Minuten halte ich die Bordkarte in meinen Händen.

Nach Passkontrolle und Sicherheitscheck geht es in die Lounge. United Airlines hat am Frankfurter Flughafen keine eigene Lounge für privilegierte Vielflieger und Business-Class-Reisende. Aber das ist kein Problem. Star-Alliance-Partner Lufthansa ist ja am Frankfurter Flughafen der Platzhirsch. Gleich neben dem Abflugbereich Z50, gegenüber vom Duty-free-Shop, hat die Lufthansa eine ihrer Business Lounges, zu der auch Business-Class-Reisende von United Airlines Zugang haben. Dann mal hineinspaziert.

Lufthansa Lounge am Frankfurter Flughafen

Frank Störbrauck

Die Lounge ist riesig. 1.700 Quadratmeter groß ist sie, 380 Passagiere können dort Platz nehmen. Gut ausgestattet ist sie auch: Neun Duschen gibt es, eine Raucherkabine, ein Internetkiosk mit PCs, Schließfächer, Ruhebereiche mit Sesseln. Heute ist sie gut gefüllt. Zwar nicht überbordend voll, aber mehrere Dutzend Passagiere lümmeln sich zwischen Buffet und Sitzplätzen.

Salate, Suppen, Würstchen in der Lufthansa Lounge

Wer in der Lounge das Frühstück nachholen möchte, schaut in die Röhre – es ist bereits abgeräumt. Jetzt, am Vormittag, gibt es dafür Blattsalate mit Thunfisch und Dressing, Kartoffelsalat, Suppen und warme Würstchen. Wer darauf keinen Appetit hat, kann sich ein Stück vom Weihnachtsstollen oder ein Glas Vanillepudding mit Pflaumenkompott gönnen. Ich habe einmal gelesen, dass es in der Lounge an fünf bis sechs Tagen in Monat einen mobilen Food-Stand geben soll, der ein Aktionsgericht bietet – zum Beispiel einen Cesar Salat, Hot Dog, Wraps oder Waffeln. Heute aber ist er nicht da.

Gegen 13:00 Uhr ist es an der Zeit, zum Gate aufzubrechen. Denn: »Um einen pünktlichen Abflug gewährleisten zu können, müssen alle Kunden 15 Minuten vor der geplanten Abflugzeit an Bord sein«, sagt United Airlines. Damit nicht alle Passagiere gleichzeitig den Flieger stürmen, vergibt die Fluggesellschaft insgesamt fünf Einsteigegruppen. Gruppe 1, zu der auch ich als Passagier der United Polaris Business Class gehöre, darf zuerst ins Flugzeug.

Am Platz angekommen, ist das Erste, was ich denke: Wow! Die neuen Polaris-Sitze kommen ziemlich großzügig daher. Wie eine kleine Suite!

Sitz in der United Polaris Business Class

United Airlines

Die Boeing 777-300ER bietet über 60 Sitze in der Business Class. Besonders gelungen ist, dass die Sitze in einer 1-2-1-Konfiguration angeordnet sind. Alle Plätze liegen direkt am Gang, sodass niemand auf dem Weg zur Toilette an einem Sitznachbarn vorbeimuss.

Ruckzuck ist der Sitz in ein Bett verwandelt

Ich muss sofort mein neues Reich erkunden. Der Sitz ist bequem und weich. Himmlisch. Ein kleines Drehrädchen an der rechten Seite signalisiert mir: Ich kann meinen Sitz binnen weniger Sekunden in ein zwei Meter langes, 60 Zentimeter breites und 180 Grad flaches Bett umwandeln. Auf dem Sitzplatz liegen eine Steppdecke und eine Tagesdecke von Saks Fifth Avenue; außerdem eine blaue United-Box mit Gimmicks, die einem den Flug angenehmer gestalten sollen.

Darin befinden sich Zahnpasta und Zahnbürste, Hautpflegeprodukte der Marke Cowshed Spa von Soho House, Ohrstöpsel und eine schwarze Schlafmaske.

United Polaris Business Class Amenity Kit

Frank Störbrauck

Fast schade, dass ich einen Tagesflug habe und deshalb vermutlich nicht schlafen werde! Der Sitz verfügt ferner über diverse Staufächer und einen Stromanschluss sowie zwei USB-Zugänge. Praktisch, wenn man Handy und Powerbank gleichzeitig aufladen möchte!

Neben ausreichend Platz zum Schlafen ist für viele Business-Class-Reisende das persönliche Entertainmentsystem wichtig. Was auf den ersten Blick einen guten Eindruck macht, ist der große Bildschirm in meiner Mini-Suite. 32 Zoll hat er. Im Entertainmentprogramm navigiere ich den Bereich an, der mir alle Filme auf Deutsch anzeigt: Rund 60 Movies hält das Angebot in deutscher Sprache bereit, darunter bekannte Filme wie »Bridge of Spies« (2015), »Star Wars: Das Erwachen der Macht« (2015) und »Max – Agent auf vier Pfoten« (2017). Das ist nicht überragend, aber in Ordnung. Und bei den Serien? Gern hätte ich mir auch die dritte Staffel von »House of Cards« angesehen, doch leider gibt es nur die fünfte Staffel im Angebot. Pech gehabt!

Vor dem Abflug erst einmal ein Glas Champagner

Wenige Minuten, nachdem ich Platz genommen habe und das Gros der übrigen Passagiere an mir vorbeigerauscht ist, flitzt Flugbereiter Enrico herbei. Angenehm: Er wird mich während des gesamten Flugs betreuen. Ein Steward-wechsele-dich-Spiel, wie man es oft bei anderen Airlines erlebt, wird es heute erfreulicherweise nicht geben. Bevor der Flieger mit 10-minütiger Verspätung abhebt, bekomme ich ein Gläschen Champagner serviert. Prickelnd und lecker!

Die Menükarte, die bereits ausgelegt ist, klingt verheißungsvoll. Als Vorspeise wird es Rote Bete mit Räucherlachs und einen gemischten Blattsalat mit Tomaten, Papaya und Sonnenblumenkernen geben. Bei der Hauptspeise droht die Qual der Wahl. Fünf Gerichte stehen zur Auswahl: geschmorte Shortribs vom Rind mit Steinpilzsoße, Polenta und Wurzelgemüse; Hähnchenbrust mit Senfsoße, Kartoffelpüree und geröstetem Wurzelgemüse; Lachs mit Zitronengras, Jasminreis und sautierter Pak Choi; Ravioli mit Ricotta und Zitronen in Artischocken-Tomatensoße und Spargel; Salat der Saison mit gegrillten Garnelen. Als Nachtisch locken eine feine Käseauswahl und ein Eis mit Mandeln, Obst sowie Karamell- oder Schokoladensoße.

Essen in Ordnung, Rotwein exzellent

Wer nicht auf jeden einzelnen Gang warten möchte, kann sich alternativ für den sogenannten »Express-Dining-Service« entscheiden. Hierbei erhält man zu einem selbst gewählten Zeitpunkt ein einziges Tablett mit dem gesamten Menü. Aber das kommt gar nicht infrage. Mein Magen knurrt. Ich entscheide mich für das Lachsgericht. Es wird heiß serviert, optisch und geschmacklich ist es in Ordnung. Eine kulinarische Offenbarung, die mir das Gefühl gibt, im siebten Gourmethimmel zu schweben, freilich nicht.

Hauptgericht in der United Polaris Business Class

Frank Störbrauck

Sehr überzeugend dagegen ist der sich zum Käse genehmigte Cabernet Sauvignon des Weinguts Wente Vineyards aus dem Livermore Valley. Er liegt erlesen, vollmundig und mit gut integrierten Tanninen im Mund.

Rund zweieinhalb Stunden nach dem Abheben, wir haben Irland inzwischen hinter uns gelassen und nehmen Kurs Richtung Grönland, ist das kulinarische Spektakel vorbei. Wer mag, kann sich als Absacker noch einen Bourbon, Scotch oder Whiskey gönnen. Oder lieber einen süßen Baileys? Flugbegleiter Enrico meint es sicherlich gut mit mir. Aber ich winke ab. Ich kann nicht mehr, weder essen noch trinken. Obwohl die Uhr erst 17 Uhr anzeigt, bin ich plötzlich todmüde. Das Licht in der Kabine ist mittlerweile heruntergedimmt, alle Fenster sind verdunkelt. Ich werfe einen Blick auf das »Bitte nicht stören«-Zeichen auf der Tastatur …

Habe ich wirklich fünf Stunden geschlafen?

Der Sitz ist im Nullkommanix in ein Bett verwandelt. Die Steppdecke liegt leicht und anschmiegsam auf der Haut, das große, weiche Kopfkissen tut sein Übriges. Als ich wieder erwache, ist der Service bereits erneut im Gange. Habe ich wirklich fünf Stunden geschlafen? Ich kann es kaum glauben. So lange habe ich im Flieger noch nie geschlafen. Die Flight Map zeigt an, dass wir bereits Kanada überfliegen. Nur noch zwei Stunden bis zur Landung. Flugbegleiter Enrico fragt mich, ob er das Ankunftsessen servieren dürfe. Darf er.

Ein Freund von mir, der schon seit Jahrzehnten durch die Weltgeschichte fliegt, ein echter Kosmopolit also, warnte mich vor ein paar Jahren. »Wenn du einmal Business geflogen bist, willst du nie wieder Economy fliegen.« Nach meinem Flug in der United Polaris Business Class, kann ich nur sagen: Wie recht er doch hat.

Info. United Airlines fliegt im Winter täglich ab Frankfurt/Main nonstop nach San Francisco (Abflug 13:55 Uhr in Frankfurt, Ankunft um 16:30 Uhr in San Francisco). Vom 20. April bis Ende Oktober 2018 bedient die Fluggesellschaft die Strecke sogar zweimal (dann auch um 17:25 Uhr ab Frankfurt/Main, Ankunft um 19:45 Uhr in San Francisco). Ein Hin- und Rückflug in der »United Polaris Business Class« auf der genannten Strecke ist ab 3.560 Euro buchbar. Weitere Informationen gibt es hier.

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