Seit Jahrzehnten schon ist Gran Canaria ein Hotspot der Schwulenszene – früher versteckt in den Dünen, heute sichtbar wie der Leuchtturm von Maspalomas. Besonders schillernd leuchtet der Regenbogen über dem Yumbo Centrum. Ein Besuch während des Gay Pride Maspalomas. 

Eigentlich erstaunlich, welche Anziehungskraft von einem so in die Jahre gekommenen Vergnügungszentrum noch ausgeht. Kolossal und satt liegt es in der Mittagssonne, das Yumbo Centrum in Playa del Inglés. Seine besten Zeiten hat das Shopping- und Partyzentrum längst hinter sich: hier etwas blätternde Farbe, dort bröckelnder Putz. Mit ein wenig Fantasie könnte man den Bau – architektonisch betrachtet – auch in einen sozialen Brennpunkt in Deutschland versetzen. Nach Köln-Chorweiler oder Duisburg-Marxloh etwa. Es würde vermutlich kaum auffallen.

Partytempel im Herzen von Playa del Ingles

An manchen Stellen allerdings ist das Yumbo Centrum doch ein wenig anders. Ziemlich einzigartig sogar. Hinterlassenschaften weisen auf die Szenezugehörigkeit der Besucher hin. »Gay is cool«, »I love you«, »Party hard«; solche Bonmots eben, die trotz ihrer Schlichtheit ganz gut beschreiben, wofür das Yumbo Centrum auch heute noch steht. Denn seit Jahrzehnten schon ist der Partytempel im Herzen von Playa del Inglés der Dreh- und Angelpunkt der vergnügungssuchenden Schwulen aus ganz Europa. Manche sagen: Viel hat sich in all den Jahren eigentlich nicht verändert.

Seit jeher tummeln sich im Yumbo Centrum vor allem Skandinavier, Deutsche und Engländer, hin und wieder auch ein paar Holländer, Spanier und Osteuropäer. Die Insel bietet schließlich alles, was das schwule Urlauberherz begehrt: ganzjährig angenehme Temperaturen, einen Schwulenstrand, Dünen zum Cruisen, jede Menge Bars – und, ja, auch Bungalowanlagen und Hotels, die sich auf die LGBT-Klientel spezialisiert haben. Playa del Inglés und Schwule – das passt.

Strandhütte in Regenbogenfarben am Gay-Strand in Maspalomas auf Gran Canaria

Foto: Canary4stock/Shutterstock.com

Zum Pride-Festival im Mai brennt die Hütte in der Schwulenszene in Maspalomas

Besonders während des Maspalomas-Pride-Festivals im Mai gibt es viel zu bestaunen. Dann ist nonstop Remmidemmi angesagt. Tausende Lesben, vor allem aber Schwule, fliegen mit Chartermaschinen aus ganz Europa im Stundentakt ein und feiern um die Wette den Kanaren-CSD.

Foto: Teilnehmer auf Paradewagen beim Maspalomas Pride

Foto: Tourist Board of Gran Canaria

Von Politik ist auf diesem CSD wenig bis gar nichts zu spüren – von Ballermann-Flair dagegen reichlich. Einige Schwule, vor allem jene, die sich regelmäßig in den mondänen Szenen LondonsBerlins oder Madrids bewegen, rümpfen pikiert die Nase, wenn sie das trashige Treiben erstmals erleben. »Viele Friseusen aus Castrop-Rauxel und Rosenheim da«, lästern die Metropolen-Gays dann.

Derartige Boshaftigkeiten lassen die Bar- und Clubbesitzer im Yumbo Centrum kalt. Sie machen in der CSD-Woche mehr Umsatz als sonst in einem ganzen Quartal, heißt es. Geschickt haben sich die Veranstalter den Mai als Termin für das Lesben- und Schwulenspektakel ausgesucht. Sieht man einmal vom meist verregneten CSD in Brüssel ab, gibt es zu diesem Zeitpunkt kein anderes Event dieser Art in Europa. Vor mehr als 20 Jahren war das noch anders: Damals galt der Karneval auf der Insel als Saison-Highlight der Schwulenszene.

Der Maspalomas Pride entwickelte sich rasch zum Publikumsmagneten. Inzwischen gilt er als größte Veranstaltung der Kanarischen Inseln – rund 100.000 Zuschauer, davon schätzungsweise 80 Prozent aus Großbritannien und Deutschland, zählen die Organisatoren regelmäßig bei der Parade.

Maspalomas Pride Parade

Foto: Tourist Board of Gran Canaria

Das Fremdenverkehrsamt von Gran Canaria, das Patronato de Turismo, war von Anfang an mit an Bord und unterstützt das Event bis heute. Geboten wird den Gästen einiges: eine Vernissage, ein Galadinner, eine BBQ-Cruise – inzwischen ist für jeden Besucher etwas dabei. Höhepunkte des Festivals sind die große Parade quer durch Maspalomas und Playa del Inglés sowie die abendlichen Shows samt schrägem Drag-Queen-Wettbewerb im Yumbo Centrum.

Die Heteros beobachten das Treiben von den riesigen Balkonreihen

Zu den jährlichen CSD-Besuchern gehören auch Tim (22), Jan (24) und Thomas (33). Gleich nebenan, im Hotel Buenos Aires, haben sie sich pauschal für zehn Tage eingebucht. Jedes Jahr treffen sich die drei Schwulen aus dem Rheinland und Norddeutschland zum CSD auf der Insel. Hin und wieder überzeugen sie weitere Freunde, mitzukommen – so auch dieses Jahr.

Besucher des Maspalomas Pride auf Gran Canaria

Foto: Tourist Board of Gran Canaria

Aber wo sind ihre Freunde? Die drei zucken mit den Schultern. »Vermutlich schlafen sie noch. Die letzte Nacht war anstrengend«, berichtet Tim schmunzelnd. Jans Begleitung, Sebastian, wurde schon seit 24 Stunden nicht mehr gesehen. »Den da hinten«, der Finger zeigt Richtung Bühne, »hat er gestern kennengelernt. Irgendeinen Typen aus Manchester. Danach war er mit ihm weg.« Beunruhigt scheint er nicht zu sein. Dass in der zum Kanaren-CSD zusammengeschusterten Clique jeder seine eigene Agenda verfolgt, stört ihn nicht: »Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam her. Da will ich hier nicht als moralinsaure Gouvernante auftreten. Soll er doch machen, was er will«, fährt er fort.

Thomas schweigt die meiste Zeit. Hin und wieder hört er zu, lächelt und nickt, dann ist er wieder gedankenversunken mit seinem Handy beschäftigt. Die Dating-App verspricht in diesen Tagen »viel Frischfleisch«, murmelt er, gefolgt von einem »Wow, der ist heiß«. Die Bars im Yumbo Centrum seien abends sehr gut, erzählt er dann. Günstige Happy-Hour-Cocktails gebe es. Wenige Minuten später ist er verschwunden. Hin zu den Beats.

Seit 21 Uhr scheppern die Elektro-Sounds aus den Musikboxen. Lady-Gaga-, Rihanna- und Swedish-House-Mafia-Remixe peitschen unablässig durch das Yumbo Centrum. Weiter hinten, in der Mitte des Yumbos, tritt auf der riesigen Showbühne Drag Queens im Wettbewerb gegeneinander an. Und was für ein Wettbewerb! Ihre opulenten Kostüme und grazilen Tanzeinlagen würden die Damen aus dem Pariser Moulin Rouge ganz schön neidisch rüberschielen lassen.

Drag Queens auf der Bühne

Foto: criben/Shutterstock.com

Das lockt denn auch ein Publikum an, das sich normalerweise abends eher nicht im Yumbo Centrum blicken lässt: stinknormale Heteros. Viele von ihnen schauen von den riesigen Restaurant-Balkonreihen auf der ersten und zweiten Etage zu. Die Handykameras laufen hier oben im Dauereinsatz, keine Drag Queen darf fehlen. Schließlich will man zu Hause Freunden und Bekannten doch nur zu gern berichten, in was für einem Spektakel man gelandet ist.

Laufsteg der Eitelkeiten

Es ist kein Geheimnis, dass Sonne, Sex und Suff für viele Schwule das Urlaubsmotto ist. Der Tagesrhythmus ist immer derselbe: bis 11 Uhr ausschlafen, um 12 Uhr zum Schwulenstrand nach Maspalomas, an den Hotelpool oder eine Runde Cruisen in den Dünen – wo so manches Abenteuer unter Männern in den Kuhlen lockt.

Mann durchstreift die Dünen von Maspalomas auf Gran Canaria

Foto: Krisztian Tabori

Um 16 Uhr geht es dann weiter ins tantige Café Wien oder in die schlagermusik-, Frikadellen- und alkoholgeschwängerte Strandapotheke, um 20 Uhr Abendessen und schließlich ab 22 Uhr ab ins Yumbo Centrum zur Party.

Dort unterliegt das Nachtprogramm strengen Regeln. Bis ein Uhr verweilt man in den Cafés und Bars im Erdgeschoss, schlürft einen Cocktail und beobachtet den Laufsteg der Eitelkeiten, der im Minutentakt wie eine endlose Karawane an den Bars vorbeizieht. Es wird gewunken und geküsst, aber auch getuschelt und gelästert. Man kennt sich schließlich schon seit ein paar Tagen – und sei es nur vom Cruisen in den Dünen oder Darkrooms …

Wer ab ein Uhr genug von den Bars im Untergeschoss hat, zieht weiter nach oben, vornehmlich auf den »Fleischbeschauungspfad«. Das ist ein circa 40 Meter langen Gang, der sich wie ein Quadrat entlang der Tanzbars auf der »Planta 2«-Ebene schlängelt.

Gay Party People im Club

Foto: ClaudioDoenitz/Shutterstock.com

Aktuelle Videoclips laufen auf den Plasmabildschirmen der Tanzbars, die Musik dröhnt lauter als im Untergeschoss, und die Getränkepreise ziehen deutlich an. Für eine 0,33-Liter-Flasche Bier, die vor zehn Minuten unten noch vier Euro kostete, zahlt man hier oben plötzlich acht Euro.

Spät in der Nacht tobt die Party in der Schwulenszene in Maspalomas

Einige Gäste wollen besonders gewitzt sein und bringen ihre Getränkegläser von unten mit. Doch da haben sie die Rechnung ohne die Wirte im Obergeschoss gemacht. Ein Security-Mitarbeiter achtet am Aufgang penibel darauf, dass keine flüssigen Mitbringsel den Weg nach oben finden. Peter (42), ein hochgewachsener 1,95-Meter-Hüne, hat vorgesorgt: »Wir haben vorher im Hotel schon ordentlich gebechert. Das reicht jetzt erst mal.« Einen Tipp, wie man preisgünstig den Pegel halten kann, hat er parat: »Wenn du aber hier oben noch was trinken willst, bestell dir lieber einen Gin Tonic. Das Glas wird randvoll mit Alkohol gefüllt, dazu kommt eine Flasche Tonic Water. Und das kostet fast genau so viel wie eine Flasche Bier.«

Seine Clique hat sich mittlerweile aufgelöst. Die einen sind bereits im Hotel, die anderen im Gewühl verloren gegangen. »Macht nichts«, sagt Peter. »Man will ja auch ein bisschen unabhängig sein«, verrät er augenzwinkernd und verschwindet in der Masse. Die Nacht auf Gran Canaria ist um drei Uhr morgens noch lange nicht zu Ende.

Maspalomas Pride 2026

Festivalzeit. Der Maspalomas Pride 2026 steht vom 4. bis 10. Mai 2026 an. Zu den Highlights zählen wie immer Vernissage, Galadinner, BBQ-Cruise, die große Parade durch Maspalomas und Playa del Inglés sowie die Drag-Queen-Shows im Yumbo Centrum. Weitere Informationen auf der Website des Gay Pride Maspalomas 2026.

Paradewagen auf der Gay Pride Maspalomas Parade 2025

Foto: Canary4stock
/Shutterstock.com

Literaturtipp. Es gibt ein Buch, es ist schon ziemlich lange auf den Markt und beschreibt herrlich humorvoll das Treiben der Schwulenszene auf Gran Canaria: Elvira auf Gran Canaria: Urlaub, Schwule, Strand und Tanz. Geschrieben wurde es von »Elvira Klöppelschuh« alias Hans-Georg Stümke. 

Hinweis der Redaktion: Diese Reportage erschien erstmals 2017 und wurde seither laufend aktualisiert. 

Häufige Fragen

Was ist das Yumbo Centrum überhaupt?

Das Yumbo Centrum ist ein großes Shopping- und Partyzentrum in Playa del Inglés im Süden von Gran Canaria. Es gilt als Herzstück der schwul-lesbischen Szene auf der Insel und beherbergt auf mehreren Ebenen über 200 Bars, Restaurants und Geschäfte.

Ist das Yumbo Centrum nur etwas für Schwule und Lesben?

Nein. Auch wenn das Zentrum vor allem als LGBTQ+-Treffpunkt bekannt ist, kommen gerade während des Maspalomas Pride viele heterosexuelle Besucher dazu, die die Atmosphäre und die Drag-Shows erleben wollen. Das Yumbo ist für alle offen.

Wann findet der Maspalomas Pride statt?

Der Maspalomas Pride findet jedes Jahr im Mai statt, 2026 vom 4. bis 10. Mai. Er gilt als größte Veranstaltung der Kanarischen Inseln mit rund 100.000 Besuchern, davon etwa 80 Prozent aus Großbritannien und Deutschland.

Ab wann lohnt sich ein Besuch im Yumbo Centrum?

Wirklich los geht es erst ab 22 Uhr. Der typische Tagesrhythmus sieht Strand und Pool am Nachmittag vor, Abendessen gegen 20 Uhr und dann Aufbruch ins Yumbo. Die Clubs sind bis in die frühen Morgenstunden geöffnet.

Wie sieht das Yumbo Centrum tagsüber aus?

Tagsüber wirkt das Zentrum vergleichsweise ruhig und an manchen Stellen deutlich in die Jahre gekommen: blätternde Farbe, bröselnder Putz. Den Charme des Gebäudes muss man sich ein wenig erschließen. Die Energie entfaltet sich erst in der Nacht.

Gibt es eine Clubszene direkt im Yumbo Centrum?

Ja. Die Diskothek Mantrix im vierten Stock zählt zu den bekanntesten Schwulenclubs auf Gran Canaria und hat an 365 Tagen im Jahr von 2 bis 6 Uhr morgens geöffnet. Daneben gibt es rund 20 weitere Bars und Terrassen mit DJs und Drag-Shows.