Seit Jahrzehnten schon ist Gran Canaria ein Hotspot der Schwulenszene – früher versteckt in den Dünen, heute sichtbar wie der Leuchtturm von Maspalomas. Besonders schillernd leuchtet der Regenbogen über dem Yumbo Centrum. Ein Besuch.

Eigentlich erstaunlich, welche Attraktivität von einem so in die Jahre gekommenen Vergnügungscenter noch ausgeht. Kolossal und saturiert liegt es in der Mittagssonne, das Yumbo Centrum in Playa del Ingles. Die besten Zeiten hat das Shopping- und Partyzentrum schon lange hinter sich: hier ein bisschen blätternde Farbe, dort ein bisschen bröselnder Putz.

An manchen Stellen verweisen Hinterlassenschaften auf die Sympathiebekundungen anonymer Graffiti-Künstler. »Gay is cool«, »I love you«, „Party hard«, solche Bonmots eben, die trotz ihrer Schlichtheit doch ganz gut beschreiben, wofür das Yumbo Centrum auch heute noch steht. Denn seit Jahrzehnten schon ist der Partytempel im Herzen von Playa del Ingles der Dreh- und Angelpunkt der vergnügungssuchenden Schwulen aus ganz Europa. Manche sagen: Es hat sich eigentlich nicht viel verändert in all den Jahren.

Seit jeher tummeln sich im Yumbo Centrum vor allem Skandinavier, Deutsche und Engländer. Hin und wieder auch ein paar Holländer, Spanier und Osteuropäer. Einigen von ihnen gefiel es so gut, dass sie immer wieder herkamen – und schließlich ganz auf der Insel blieben. Ton Pot war einer von ihnen. Von 1996 an war der Holländer Dauergast auf der Insel. Er jobbte sogar hier, im Café Latino, im Erdgeschoss des Yumbo Centrums. 2004 griff er zu, als sich die Chance bot, das Café zu übernehmen. Viel Geld hat er investiert, um dem Café ein frisches Antlitz zu verpassen. Das ist ihm ganz gut gelungen, das Café ist abends gut besucht. Ach was, abends. Ab mittags sitzen dort die Schwulen, schlürfen ihren Kaffee, am Abend dann doch lieber ihren Cocktail, und genießen das Treiben im Yumbo Center.

Zum Pride-Festival im Mai brennt die Hütte in der Schwulenszene in Maspalomas

Besonders während des Maspaloma-Pride-Festivals im Mai gibt es viel zu bestaunen. Dann ist nonstop Remmidemmi angesagt. Tausende Lesben, vor allem aber Schwule, fliegen mit den Charterfliegern aus ganz Europa im Stundentakt ein und feiern um die Wette den Kanaren-CSD.

Teilnehmer auf Paradewagen beim Maspalomas Pride

Tourist Board of Gran Canaria

Von Politik ist auf diesem CSD wenig bis gar nichts zu spüren. Von Ballermann-Flair dagegen viel. Einige Schwule, vor allem jene, die sich regelmäßig in den mondänen Schwulenszenen Londons, Berlins oder Madrids bewegen, rümpfen pikiert die Nase, wenn sie das trashige Treiben zum ersten Mal erleben. »Viele Frisösen aus Castrop-Rauxel und Rosenheim da«, lästern die Metropolen-Gays dann.

Derartige Boshaftigkeiten interessieren die Bar- und Clubbesitzer im Yumbo Centrum herzlich wenig; sie machen in der CSD-Woche mehr Umsatz als in einem ganzen Quartal, ist zu hören. Geschickt haben sich die CSD-Veranstalter den Monat Mai als Termin für das Lesben- und Schwulenspektakel ausgesucht. Sieht man einmal von dem meist verregneten CSD in Brüssel ab, gibt es zu diesem Zeitpunkt kein anderes Lesben- und Schwulenfestival in Europa. Vor mehr als 20 Jahren noch, da war das anders, da war der Karneval auf der Insel das Saison-Highlight für die Schwulen.

Der Maspalomas Pride entwickelte sich rasch zum Publikumsmagneten. Mittlerweile gilt der Maspalomas Pride als größte Veranstaltung der Kanarischen Inseln – rund 150.000 Zuschauer, davon geschätzte 80 Prozent aus Großbritannien und Deutschland, zählen die Veranstalter regelmäßig bei der CSD-Parade.

Maspalomas Pride Parade

Tourist Board of Gran Canaria

Das Fremdenverkehrsamt von Gran Canaria, das Patronato de Turismo, war von Anfang an im Boot und unterstützt das Event bis heute. Geboten wird den Gästen einiges: eine Vernissage, ein Galadinner, eine BBQ-Cruise – mittlerweile ist für jeden Besucher etwas dabei. Höhepunkte des Festivals sind die große Parade kreuz und quer durch Maspalomas und Playa del Ingles und die abendlichen Shows samt schrägem Drag-Queen-Wettbewerb im Yumbo Centrum.

Die Heteros beobachten das Treiben von den riesigen Balkonreihen

Zu den jährlichen CSD-Besuchern gehören auch Tim (22), Jan (24) und Thomas (33). Gleich nebenan, im Hotel Buenos Aires, haben sie sich pauschal für zehn Tage eingebucht. Jedes Jahr treffen sich die drei Schwulen aus dem Rheinland und Norddeutschland zum CSD auf der Insel. Hin und wieder überzeugen sie weitere Freunde davon, mitzukommen. So auch dieses Jahr.

Besucher des Maspalomas Pride auf Gran Canaria

Tourist Board of Gran Canaria

Aber wo sind ihre Freunde? Die drei zucken mit den Schultern. »Vermutlich schlafen sie vor. Die letzte Nacht war anstrengend«, berichtet Tim schmunzelnd. Jans Begleitung, Sebastian, wurde schon seit 24 Stunden nicht mehr gesehen. »Den da hinten«, der Finger zeigt Richtung Bühne, »hat er gestern kennengelernt. Irgendeinen Typen aus Manchester. Danach war er mit ihm weg.« Beunruhigt scheint er nicht zu sein. Dass in der zum Kanaren-CSD zusammengeschusterten Clique jeder seine eigene Agenda verfolgt, stört ihn nicht: »Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam her. Da will ich hier nicht als moralinsaure Gouvernante auftreten. Soll er doch machen, was er will«, fährt er fort.

Thomas schweigt die meiste Zeit. Hin und wieder hört er zu, lächelt und nickt, dann ist er wieder gedankenversunken mit seinem Handy beschäftigt. Die Dating-App verspricht in diesen Tagen » viel Frischfleisch«, murmelt er, gefolgt von einem »wow, der ist heiß«. Die Bars im Yumbo Centrum seien sehr gut abends, erzählt er dann. Günstige Happy-Hour-Cocktails gibt es, und obendrein sei das W-Lan sehr flott. Wenige Minuten später ist er verschwunden. Hin zu den Beats.

Seit 21 Uhr scheppern die Elektro-Sounds aus den Musikboxen. Lady-Gaga-, Rihanna-, und Swedish-House-Mafia-Remixe peitschen unablässig durch das Yumbo Centrum. Weiter hinten, in der Mitte des Yumbo Centrums, auf der riesigen Showbühne, treten Drag Queens in einem Wettbewerb gegeneinander an. Und was für ein Wettbewerb! Ihre opulenten Kostüme und ihre grazilen Tanzeinlagen würden die Damen aus dem Pariser Moulin Rouge ganz schön neidisch rüberschielen lassen.

Drag Queens auf der Bühne

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Das lockt denn auch ein Publikum an, das sich normalerweise abends eher nicht im Yumbo Centrum verläuft: stinknormale Heteros. Viele von ihnen schauen zu, die meisten von den riesigen Restaurant-Balkonreihen auf der ersten und zweiten Etage. Die Handykameras sind hier oben im Dauereinsatz, keine Transe darf fehlen. Schließlich will man zu Hause seinen Freunden und Bekannten doch nur zu gern berichten, in was für einem Spektakel man hier doch gelandet ist.

Laufsteg der Eitelkeiten

Es ist kein Geheimnis, dass Sonne, Sex und Suff für viele Schwule das Urlaubsmotto ist. Der Tagesrhythmus ist immer derselbe: bis 11 Uhr schlafen, um 12 Uhr zum Schwulenstrand nach Maspalomas, an den Hotelpool oder eine Runde zum Cruisen in den Dünen, wo so manches Abenteuer unter Männern in den Kuhlen lockt.

Mann durchstreift die Dünen von Maspalomas auf Gran Canaria

Krisztian Tabori

Um 16 Uhr geht es dann weiter ins tantige Café Wien oder in die Schlagermusik-, Frikadellen- und Alkohol-schwangere Strand-Apo-Theke, um 20 Uhr Abendessen und schließlich ab 22 Uhr ab in das Yumbo Centrum zur Party.

Dort unterliegt das Nachtprogramm strengen Regeln. Bis ein Uhr verweilt man in den Cafés und Bars im Erdgeschoss, schlürft einen Cocktail und beobachtet den Laufsteg der Eitelkeiten, der im Minutentakt wie eine nicht enden wollende Karawane an den Bars vorbeizieht. Es wird gewunken und geküsst, aber auch getuschelt und gelästert. Man kennt sich schließlich schon seit ein paar Tagen – und sei es nur vom Cruisen in den Dünen oder Darkrooms …

Wer ab ein Uhr in der Nacht genug von den Bars im Untergeschoss hat, zieht weiter nach oben, vornehmlich auf den »Fleischbeschauungspfad« – das ist ein circa 40 Meter langer Gang, der sich wie ein Quadrat entlang der Tanzbars auf der »Planta 2«-Ebene schlängelt.

Gay Party People

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Aktuelle Videoclips laufen auf den Plasmabildschirmen der Tanzbars, die Musik ist lauter als im Untergeschoss, und die Getränkepreise ziehen deutlich an. Für eine 0,33-Liter-Flasche Bier, die vor zehn Minuten im Untergeschoss noch zweieinhalb Euro kostete, zahlt man plötzlich gut und gerne sieben Euro.

Spät in der Nacht tobt die Party in der Schwulenszene in Maspalomas

Einige Gäste wollen besonders gewitzt sein und bringen ihre Getränkegläser von unten mit. Doch da haben sie die Rechnung ohne die Wirte im Obergeschoss gemacht. Ein Security-Mitarbeiter achtet am Aufgang zur Treppe penibel darauf, dass keine flüssigen Mitbringsel den Weg nach oben finden. Peter (42), ein hochgewachsener 1,95-Meter-Hüne, hat vorgesorgt: »Wir haben vorher im Hotel schon ordentlich gebechert. Das reicht jetzt erst einmal.« Einen Tipp, wie man preisgünstig den Pegel halten kann, hat er auch parat: »Wenn du aber hier oben noch etwas trinken willst, bestelle dir lieber einen Gin Tonic. Das Glas wird in der Regel randvoll mit Alkohol gefüllt, dazu bekommst du eine Flasche Tonic Water. Und das kostet fast genauso viel wie eine Flasche Bier.«

Seine Clique hat sich mittlerweile aufgelöst. Die einen sind bereits im Hotel, die anderen im Gewühl verloren gegangen. »Macht nichts«, sagt Peter. »Man will ja auch ein bisschen unabhängig sein«, verrät er augenzwinkernd und verschwindet in der Masse. Die Nacht auf Gran Canaria ist jetzt, um drei Uhr in der Früh, noch lange nicht zu Ende.

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