»Auf der Halbinsel Olympic im Washington State liegt unter einer selten aufreißenden Wolkendecke eine bedeutungslose kleine Stadt namens Forks.« So beginnt das Buch »Twilight – Biss zum Morgengrauen«. Klingt sehenswert. Text: Jennifer Latuperisa

Der arme eindimensionale Robert Pattinson hat ganz abgenutzte Papplippen. Wahrscheinlich knutschen weibliche Fans seine lebensgroße Kartongestalt als Ersatz für den unnahbaren Schauspieler. Jetzt stehe ich neben ihm in einer Pagode im »Dazzled by Twilight«-Shop und fühle mich so deplatziert wie selten.

Dennoch schmiege ich mich in seine Papierärmchen und grinse für ein Foto. Doch dieser Papp-Edward (Edward heißt die Rolle, die Robert Pattinson als Schauspieler in den Twilight-Filmen spielt) ist nicht der einzige in Forks. Wenn man genauer hinsieht, ist die Kleinstadt bevölkert von lebensgroßen Kartonfiguren, fanatischen Fans und Provinzamerikanern, die ihr Glück kaum fassen können.

Glück? Für dieses abgeschiedene Nest war die Entscheidung Stephenie Meyers, ihren Roman genau hier spielen zu lassen, wie ein Lottogewinn. 100 Millionen Bücher hat die Autorin verkauft. In jedem dieser Bücher geht es um Bella und Edward, die dort leben, wo in Realität niemand freiwillig wohnen wollen würde, nämlich in der Kleinstadt Forks, die auf der Halbinsel Olympic liegt. Die Region ist für sich genommen wirklich sehenswert.

Wohnhaushohe Douglasien-Kiefern stehen dicht an dicht im Nationalpark, schneebedeckte Berge, imposante Wasserfälle, umherschleichende Pumas – eine wirklich eindrucksvolle Region. Dennoch war Forks auf dem absteigenden Ast. Die Holzwirtschaft, die die Stadt jahrzehntelang ernährte, verschwand langsam, die Gemeinde wurde ärmer, die Einkaufsstraße bestand nur noch aus leeren Schaufenstern, die Jugend verließ den unscheinbaren Ort, sobald sie die Möglichkeit hatten.

Eine ganze Stadt spielt Theater

Doch mit dem ersten Buch kamen die ersten Twilight-Fans, denen noch Tausende folgen sollten. Die Stadt musste sich neu erfinden, um aus der Situation Profit zu schlagen. Sehenswerte Attraktionen mussten her, die Stimmung von Twilight sollte spürbar sein – also spielt eine ganze Stadt heute Theater. Wer nach Bella oder Edward fragt, bekommt eine Antwort, die das Gefühl vermittelt, dass die beiden tatsächlich existieren.

»Die Menschen, die nach Forks kommen, sollen das Gefühl haben, als würden sie durch den Roman spazieren«, sagt Bill, der stolzer Besitzer eines Bed and Breakfast ist, welches gleichzeitig als offizielles Haus der Cullens (der Vampirfamilie aus dem Roman, zu der auch Edward gehört) firmiert.

Und dieses Vorhaben gelingt dem Ort. Ich erwische mich, wie ich das Parkplatzschild von Dr. Cullen am Krankenhaus fotografiere, anstehe, um das Polizeiauto (Bellas Vater ist der Sheriff) abzulichten, und im Haus der Cullens andächtig umherwandere. Natürlich weiß ich, dass alles nicht real ist, dass die ganze Stadt eine Art interaktives Museum ist.

Aber während der Tour verfällt auch der Skeptiker in den Touristentrott. Dazu gehören ein Souvenireinkauf und zahlreiche Fotoaufnahmen an den relevanten Schauplätzen aus dem Buch, wobei man das Cullen-Haus, das Haus der Swans (dort wohnt Bella mit ihrem Vater) und den rot-rostigen Truck (Bellas Auto) als Highlight ansehen kann. Danach führt die Tour natürlich noch in das kleine Reservat der Quileute, der Stamm, der ebenfalls im Buch vorkommt und dessen Jungs sich im Roman in Werwölfe verwandeln. Auch hier wurden Sehenswürdigkeiten arrangiert.

Highlight ist jedoch der schroffe La Push Beach – der in Twilight immer wieder einmal auftaucht. Die Quileute gehen mit dem plötzlichen Ruhm etwas anders um. Hier behauptet niemand, Jacob (der Rivale Edwards um die Gunst von Bella) kürzlich gesehen zu haben. Dennoch sitzen die Fans stundenlang am Strand, beritzen das dort liegende Treibholz mit ihrem Namen und fangen die Twilight-Stimmung ein, die besonders in den Momenten real wird, wenn sich der Nebel über die Bucht senkt. Dann ist dieser Platz tatsächlich sehr mystisch.

Pflicht für alle Twilight-Fans: »Bella Italia« in Port Angeles

Einen weiteren Pflichtstopp gibt es für alle Fans: Port Angeles. 90 Kilometer weiter nordöstlich. Auch dieser Ort spielt in den Romanen eine bedeutende Rolle. Die wichtigste Lokalität der Fans ist das »Bella Italia«, ein italienisches Restaurant, in dem Edward Bella zum Essen ausgeführt hat. Bella bestellte nach Romanvorlage die »Mushroom-Ravioli«.

Heute tun es ihr Tausende von Fans gleich. Das Restaurant boomt. 17 US-Dollar kostet eine Portion und der Tisch Nummer acht, den Stephenie Meyer angeblich im Kopf hatte, als sie das Buch schrieb, ist auf Monate vorreserviert.

Insbesondere in diesem Restaurant wird einem die Inszenierung bewusst. Im Grunde ist alles unecht. Stephenie Meyer hatte Forks vor dem Roman niemals betreten, sie ist durch die Internetrecherche auf den regenreichsten Ort gestoßen. Die Ortsbeschreibungen im Buch entstammen deshalb ihrer Fantasie. Und wer Forks besucht hat, kann sich auch vorstellen, warum man sich bei den Dreh-arbeiten gegen die »Originalschauplätze« entschieden hat. Deshalb beschließe ich, die Drehorte des Films anzusehen. Allerdings befinden sich diese nicht wie Forks im Staat Washington, sondern südlich in Oregon.

Und auch wenn der Olympic Nationalpark eine Augenweide ist, hat Oregon den fotogenen Part der Fanreise zu bieten. La Push – der Strand der Quileute – ist ein bildschöner Strand im Ecola State Park, der zufällig Indian Beach heißt. Majestätische Felsen liegen vor der Küste im Wasser, Kinder spielen Fangen, und das Wetter ist auch wesentlich freundlicher. Zudem liegt er in der Nähe des Örtchens Cannon Beach, das touristisch mit einer Kochschule, einem Topresort und viel Flair wesentlich mehr zu bieten hat als das trostlose Forks.

Weiterer Hotspot: St. Helens

Weiter geht es nach St. Helens. Dort hat die Filmcrew die Szenen gedreht, die in Port Angeles spielen sollen. Beispielsweise die Szene, wo sich Bellas Freundinnen Kleider für den Abschlussball zulegen. Die Kleider stammen alle aus Jilly’s Boutique. Auf den ersten Blick ein Ramschladen (schon wieder Pappmännchen), dennoch finde ich dort schöne Ballkleider.

»Echte Twilight-Fans kaufen eben bei mir ihr Abschlussballkleid,« erzählt mir Jilly stolz.

Und was sehe ich da auf dem Tresen liegen? Jilly verkauft ein Foto ihrer Enkelin im Arm von Robert Pattinson. Neid kommt in mir auf, denn ich sehe sofort, dieser Mann ist aus Fleisch und Blut. Das Foto mit dem Papp-Edward habe ich daraufhin sofort gelöscht.

Infos. Über Washington State und Oregon: Pacific Northwest – Oregon & Washington State, c/o Wiechmann Tourism Service, Scheidswaldstr. 73, 60385 Frankfurt, Tel.: 069 255 38 240, www.experiencewa.com und www.traveloregon.de

Anreise. Icelandair bietet ab Frankfurt günstige Flüge via Reykjavik nach Seattle an. Empfehlenswert ist die Economy-Plus-Klasse.

Twilight. Touren zum Thema (aber auch andere) bietet ab Seattle der Veranstalter EverGreen Escapes, Tel.: +1 866-203-7603 (gebührenfrei). Vor Ort in Forks bietet Dazzled by Twilight Sightseeing-Touren an.

Locations. Im Internet kann man alle Locations der Drehorte nachlesen, und zwar hier.

Wir und unsere Partner verwenden Cookies, um unsere Dienste zu erbringen und Ihnen Werbung entsprechend Ihrer Interessen anzuzeigen. Informationen zu Cookies und ihrer Deaktivierung finden Sie in unseren Cookie-Richtlinien. Durch die Nutzung unserer Internetseite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen