Espresso ist das Lebenselixier der Italiener. Sie nennen ihn schlicht und ergreifend Caffè. Getrunken wird er zu allen Tageszeiten in der Bar oder im Café, und zwar stark, süß und rabenschwarz. Vor allem der Süden Italiens ist für seine Barkultur bekannt, allen voran die quirlige Hafenstadt Neapel.

Hier an der weitläufigen Piazza del Plebiscito liegt das das elegante Traditionscafé Gran Caffè Gambrinus. Seit dem 19. Jahrhundert finden sich hier Künstler, Intellektuelle, Geschäftsleute und Politiker aller Couleur ein und trinken jenen konzentrierten schwarzen Schluck, der in Neapel weit mehr ist als ein simples Getränk.

Gambrinos Cafe in Neapel

Armando Mancini

Der Caffè ist hier Teil der Lebenskultur und mindestens so wichtig wie die allgegenwärtige Pizza. Im noblen Gambrinus, aber auch andernorts in der Altstadt hat sich in Neapel seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert ein Brauch etabliert, der erkennen lässt, welchen Stellenwert noch heute der kleine Schwarze in der Stadt am Fuße des Vesuvs einnimmt: der Brauch des Caffè sospeso.

Caffè für alle – in Napoli ein Muss

Nicht alle Menschen können sich den täglichen Koffeinshot leisten, selbst wenn er »al banco«, also am Tresen, oft nur einen Euro oder weniger kostet. Und hier kommen das große Herz und der Erfindungsreichtum der Neapolitaner ins Spiel. Damit kein Bedürftiger auf seinen täglichen Caffè verzichten muss, wurde schon vor langer Zeit die Tradition des Caffè sospeso ins Leben gerufen und bis heute beibehalten.

Und so funktioniert das Ritual des »schwebenden Caffè«: Der Cafébesucher bestellt für sich einen kleinen Schwarzen, bezahlt aber zwei. Für jeden der beiden Caffè bekommt er einen Beleg, den Scontrino. Einen für den Espresso, den er selbst getrunken hat, und einen für den, der noch nicht konsumiert ist.

Espresso in Neapel

Austin Keys

Dieser ist also noch schwebend »in sospeso«. Das vermerkt der Barista auf dem Beleg, und der Spender gibt den Scontrino in ein eigens dafür aufgestelltes Gefäß.

Caffè sospeso: der schwebende Espresso

Kommt nun ein Bedürftiger ins Café und fragt nach, »ob ein Caffè offen ist«, wird ihm vom Barista der kleine schwarze Shot auf Kosten des Spenders ausgegeben. Die Neapolitaner sagen, dass der Brauch aus der Tatsache herrührt, dass sie als Volk oft auf sich selbst gestellt waren und daher den Wunsch hegen, zumindest im Kleinen jeden Tag einem Bedürftigen etwas Gutes zu tun.

Das Schöne an dieser netten Geste ist, dass sich das Phänomen inzwischen auch andernorts verbreitet hat. In München gibt es beispielsweise Bäcker, bei denen man eine Brez‘n in sospeso kaufen oder als Bedürftiger abholen kann. Und selbst in vielen Cafés in Lateinamerika hat der »Café Pendiente« Verbreitung gefunden.
Ein wunderbarer Austausch der Kulturen alla napoletana!

Weitere Informationen zum Gran Caffè Gambrinus, Via Chiaia 1-2, 80132 Napoli unter der Tel. +39 081 417582 und auf der Website.

 

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