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Wohnung und Job in Hamburg behalten, aber trotzdem regelmäßig in Brasilien: Theaterintendant, Schauspieler und Kabarettist Corny Littmann (73) hat sich seinen zweiten Lebensmittelpunkt geschaffen – unter Palmen, am Atlantik, in seiner Pousada Villa Encantada in Salvador.

Für ein ordentliches Frühstück fehlt es hier an nichts. Papaya, Mango und Wassermelone sind sorgfältig in kleine Stücke geschnitten, verbreiten ihre Farben auf dem Tisch wie eine leuchtende Künstlerpalette. Der Toast steht in ordentlichen Reihen, fast bemüht, neben dem tropischen Überschwang nicht zu verblassen. Daneben kleine Gläser mit schimmernden Marmeladen, Guave vielleicht oder Acerola, süße Versprechen für den Start in den Tag. Und natürlich, man ist schließlich zu Gast in einer Pousada, die ein Deutscher führt: Käse, Schinken, ein Schälchen Müsli und wer mag, bestellt sich frisch zubereitetes Rührei. Nur einer fehlt noch – der Mann, der dieses Frühstück zu schätzen weiß.

Corny Littmann lässt auf sich warten. »Er schläft meist bis mittags«, sagt Eduardo, der Angestellte der Pousada Villa Encantada, lächelnd. Während der Maestro sich noch die Augen reibt, lädt der Ort zum Durchatmen ein. Zwischen Pool und Frühstücksterrasse tollt Dario, Cornys zweijähriger italienischer Windspiel, der die Pousada zu seinem persönlichen Abenteuerspielplatz erklärt hat. Eine überdimensionierte Quietschente treibt im Pool, Kaffeearoma mischt sich mit der salzigen Brise vom Meer, und an den Wänden erzählen eingerahmte Theaterplakate vom Schmidt Theater in Hamburg. Erinnerungen, die im tropischen Licht fast surreal wirken.

Pool in der Villa Encantada in Salvador, Brasilien

Foto: Frank Störbrauck

Villa Encantada: Nur einen Katzensprung zum Praia do Flamengo

Nur wenige Schritte trennen die Villa Encantada vom hellen, idyllischen Praia do Flamengo im Stadtteil Stella Maris, dem nördlichsten Stadtteil der drei Millionen Einwohner zählenden Metropole Salvador. Der Strand gilt als einer der schönsten der Stadt.

Praia do Flamengo in Salvador, Brasilien

Foto: Frank Störbrauck

Zwischen Mangobäumen und Palmen schimmert das Gästehaus wie ein Ruheversprechen. Elf klimatisierte Zimmer, einige mit Balkon oder Terrasse, verbinden tropischen Charme mit europäischer Ordnungsliebe. Wer hier einkehrt, sucht nicht nur Sonne, sondern auch Geschichten: Spaziergänge am Meer, Bootsausflüge zu kleinen Inseln oder ein Abstecher in die rund 28 Kilometer entfernte koloniale Altstadt von Salvador.

Beim Frühstück, endlich wach, spricht Corny über sein Leben zwischen den Welten – Hamburg und Bahia, Theaterbühne und Pousada. Seine Stimme bleibt ruhig, oft begleitet von leisem Lachen. »Ich könnte nicht nur hier oder nur dort leben«, sagt er. »Beides gehört mittlerweile zu mir.«

Die Idee zur Villa Encantada entstand 2021, als Corny zwei Brasilianer kennenlernte, die in einer Pousada in Barra arbeiteten und von einem eigenen Haus träumten. »Wir haben schnell gemerkt, dass wir dasselbe wollen«, erinnert er sich. Hier in Stella Maris fanden sie ihr Objekt: eine runtergekommene Pousada mit viel Potenzial. »Den Zustand hätte man keinem mehr zugemutet«, sagt Corny und lacht. Ein Jahr lang wurde renoviert, gestrichen und improvisiert, bis im Juli 2022 endlich eröffnet werden konnte.

Villa Encantada: Viele Brasilianer als Gäste

Heute führt Corny die Pousada gemeinsam mit seinem ausschließlich schwulen Team. Genaue Zahlen hat niemand, aber mehrere Tausend Gäste dürften inzwischen hier übernachtet haben, einige davon Stammgäste. Online häufen sich die begeisterten Bewertungen: »Wie zu Hause gefühlt«, »unvergessliches Frühstück«, »Gastfreundschaft mit Herz«, ist in den Rezensionen immer wieder zu lesen. Mit einem Wert von 9,3 Punkten gehört die Pousada Villa Encantada aktuell bei booking.com zu den am besten bewertetesten Gästehäusern in Salvador.

Überrascht hat Corny nur eins: »Ich hatte mit mehr Gästen aus Europa gerechnet«, gibt er zu. Diese, so Cornys Beobachtung, besuchen – wenn sie nach Brasilien reisen – vor allem Rio de Janeiro und das Amazonasgebiet. Salvador stehe bei vielen nicht auf der Reiseliste.

Pelourinho, Altstadt in Salvador, Bahia

Foto: Samuel Ericksen/Shutterstock.com

Stattdessen seien die meisten Gäste in der Pousada aus Brasilien, auffällig viele davon lesbische Frauen. »Damit hätte ich nie gerechnet«, sagt er. »Es ist die größte Überraschung von allen.« Wer einmal hier war, versteht, warum die Pousada so beliebt ist: üppiges Frühstück bis zwölf Uhr mittags, Flughafentransfer inklusive, der Pool rund um die Uhr geöffnet, die Bar immerhin bis halb zwei in der Nacht.

Corny selbst bleibt meist im Hintergrund. Er arbeitet auch in Brasilien an seinen Theaterprojekten in Deutschland, hält aus seinem Zimmer heraus die Fäden zusammen. Im Sommer steht er wieder auf der Bühne in Köln, schon bald, im Januar, fliegt er für ein paar Wochen zurück nach Hamburg. Es ist sein Rhythmus geworden, zwischen kühlem Norden und warmer Tropensonne, zwischen Bühne und Pousada. Und am Ende, sagt Corny, sei das vielleicht die größte Freiheit: »Zwei Leben zu haben – und beide wirklich zu lieben.«

Info. Pousada Villa Encantada, R. Pasquale Magnavita, 12 – quadra 14 – Praia do Flamengo, Salvador, Brasilien. Kontakt via E-Mail: villaencantada2021@gmail.com und via WhatsApp: Tel. +55 (71)91477901. Übernachtung ab umgerechnet rund 45 Euro pro Zimmer. Weitere Informationen auf der Website der Pousada Villa Encantada.