Doug Tompkins gründete einst die legendäre Outdoormarke »The North Face« und das Modelabel »Esprit«. Doch sein wahres Lebenswerk begann erst, als er sich von der Modewelt abwandte. Gemeinsam mit seiner Frau Kris verwandelte er Patagonien in eine Arche der Natur. Ihre Geschichte ist eine von Vision, Widerstand, Verlust und einem Vermächtnis, das die Landschaften Südamerikas für immer verändert hat.
Doug Tompkins kam 1943 im US-Bundesstaat Ohio zur Welt. Schon früh zog es ihn in die Berge, an steile Felswände und in eisige Flüsse. Abenteuer bedeuteten für ihn nicht Risiko um des Risikos willen, sondern ein tieferes Verständnis für die Natur zu erlangen. Seine Leidenschaft brachte ihn dazu, 1966 »The North Face« zu gründen. Eine Marke, die Outdoor-Ausrüstung für Menschen herstellte, die wie er den Atem der Wildnis suchten und genossen. Wenige Jahre später entstand mit seiner ersten Frau Susie die Modefirma »Esprit«, die in den 80er-Jahren zu einem globalen Imperium heranwuchs.

Der Vulkan Corcovado in Chile I Emiliano-Barbieri/Shutterstock.com
Doch der Erfolg hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Immer häufiger fragte sich Doug, ob das Produzieren von Kleidung im Übermaß nicht Teil des Problems sei, das unseren Planeten bedrohte. Ende der 80er traf er deswegen eine radikale Entscheidung, die weltweites Erstaunen auslöste. Er verkaufte seine Anteile und kehrte der Mode- und Konsumwelt den Rücken zu.
Ein neues Kapitel: Patagonien
Sein Herz hatte der US-Amerikaner an den Südzipfel Südamerikas verloren. In den 1990er-Jahren begann Doug Tompkins, große Flächen in Chile und Argentinien zu erwerben. Wo andere Geschäftsleute wahrscheinlich Gewinne witterten, sah er die Chance, der Natur ihren Platz zurückzugeben. Zusammen mit seiner zweiten Frau Kris McDivitt Tompkins, ehemalige CEO der Konkurrenz-Outdoormarke Patagonia, entwickelte er ein Projekt, das in seiner Dimension und Konsequenz einzigartig war.

Doug and Kris Tompkins I Foto:
Die beiden kauften Millionen Hektar Land: vom Regenwald bis zu kargen Steppen. Dort, wo Viehweiden die Böden ausgelaugt hatten, wurden Wälder gepflanzt. Dort, wo Pumas, Kondore oder Huemul-Hirsche einst verschwunden waren, kehrten sie nun langsam zurück. So entstand ein grüner Flickenteppich, der nach und nach zu prachtvollen Nationalparks verwoben wurde.
Yvon Chouinard, Gründer von Patagonia und enger Freund, erinnerte sich an ihre legendäre Expedition 1968 nach Patagonien:
»Diese Reise hatte einen großen Einfluss auf Doug und mich. Sie legte die Richtung fest für das, was wir später im Leben tun würden.« (The Guardian, 13. Dezember 2015)
Gegenwind und Skepsis
Die Vision der Tompkins traf natürlich nicht überall auf Begeisterung. Viele Chilenen betrachteten die massiven Landkäufe eines US-Millionärs mit Argwohn. Die Gerüchteküche brodelte. Annahmen wie, er wolle die Wasserquellen kontrollieren, kursierten. Oder, dass er eine geheime Enklave errichten wolle. Ganze Regionen in private Hand legen? Politiker und Unternehmer warfen ihm lautstark vor, nationale Interessen zu gefährden.

Herde Guanacos im Parque Nacional Patagonia in Chile I Foto: anita Delimont/Shutterstock.com
Doch mit der Zeit verstanden die Menschen Tompkins Vision. Immer mehr erkannten, wie wertvoll seine angestoßenen Projekte für die Region waren. Wanderwege, Besucherzentren und neue Jobs entstanden. Die Naturschutzgebiete entwickelten sich zu einem Magneten für internationale Reisende und wurden zu einem Symbol dafür, dass Umweltschutz und gesellschaftlicher Nutzen Hand in Hand gehen können.
Jimmy Langman, Chefredakteur des Patagon Journal, sagte dazu:
»Ich erinnere mich, als ich 1996 zum ersten Mal hierherkam: Wer damals über Umweltthemen sprach, wurde als Radikaler angesehen, fast schon als Kommunist. Was er für den Naturschutz getan hat, war eine völlige Kehrtwende.« (The Guardian, 13. Dezember 2015)
Tragödie auf dem See
Am 8. Dezember 2015 paddelte Doug Tompkins mit einer kleinen Gruppe alter Weggefährten auf dem Lago General Carrera in Patagonien, einem gewaltigen, türkisfarbenen Gletschersee, der sich über die Grenze zwischen Chile und Argentinien erstreckt. Mit seinen 1.850 Quadratkilometern ist er der zweitgrößte See Südamerikas – 21-mal so groß wie Manhattan. Die Landschaft ist spektakulär, doch die Bedingungen sind tückisch: Auch im Sommer liegt die Wassertemperatur bei nur vier Grad, das Wetter kann innerhalb von Minuten von sonnig und ruhig zu stürmisch und eisig kippen.

Lago General Carrera im Süden von Chile I Foto: reisezielinfo/Shutterstock.com
An Dougs Seite saßen prominente Abenteurer und Umweltfreunde wie Rick Ridgeway, Bergsteigerlegende, und Yvon Chouinard, Gründer von Patagonia, sowie weitere enge Vertraute. Das Ziel war kein Extremabenteuer, sondern ein vergleichsweise kurzer, 30 Kilometer langer Ausflug, den Doug selbst als lockeres »Training mit alten Freunden« beschrieben hatte.
Doch der See zeigte bei diesem Ausflug seine düstere Seite. Am vierten Tag der Tour zogen Sturmböen mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde auf. Die Wellen erreichten zweieinhalb Meter, ein Albtraum für die schmalen Kajaks, die nur Zentimeter über dem Wasser lagen. Doug und Ridgeway kenterten. Sie hielten sich an ihrem Boot fest, während die anderen versuchten, eine Rettung zu koordinieren. Über Satellitentelefon wurde ein Helikopter alarmiert, doch der konnte Doug nicht direkt aus dem Wasser ziehen. Schließlich klammerte sich ein Begleiter mit ihm an ein Seil, das die Maschine vom Himmel herabgelassen hatte.
Als sie endlich das Ufer erreichten, war mehr als eine Stunde vergangen. Peter Hartmann, ein chilenischer Umweltschützer, der die Rettungsaktion beobachtete, sagte später:
»Ich habe in diesen Gewässern gebadet, aber niemand hält länger als fünf Minuten durch. Eine Stunde ist unmöglich.«
Doug Tompkins’ Körpertemperatur war auf 19 Grad abgesunken. Im Krankenhaus von Coyhaique konnten die Ärzte nichts mehr für ihn tun. Dass ausgerechnet ein Mann, der unzählige Erstbesteigungen und Wildwasserabenteuer überlebt hatte, bei einem eigentlich harmlosen Ausflug mit Freunden sein Leben verlor, erschien wie grausame Ironie.

Kanufahren auf dem Lago General Carrera I Foto: creative_vandal/Shutterstock.com
Die Nachricht erschütterte nicht nur seine Familie und Freunde, sondern auch die Umweltbewegung weltweit. Doug Tompkins war lediglich 72 Jahre alt geworden. Er starb dort, wo er sich am lebendigsten fühlte – in der wilden Natur Patagoniens.
Kris Tompkins: Hüterin des Vermächtnisses
Nach Dougs Tod stand Kris vor einer Aufgabe, die größer war als jedes Unternehmen, das sie zuvor geleitet hatte: das gemeinsame Lebenswerk fortzuführen. Sie erbte nicht nur ein Vermögen, sondern vor allem die Verantwortung für Millionen Hektar Land, für Stiftungen wie »Conservación Patagónica« und die von Doug gegründeten »Conservation Land Trusts«. Damit lag es an ihr, die Vision zu bewahren und mit den Regierungen in Chile und Argentinien den Weg für die Ausweisung neuer Nationalparks zu ebnen.
Bereits zu Lebzeiten hatten Doug und Kris zusammen rund 250 Millionen US-Dollar in den Naturschutz investiert: eine der größten privaten Umweltschutzspenden weltweit. Unter Kris’ Führung wuchs dieser Einsatz weiter: 2017 übergab sie rund 10 Millionen Hektar Land an den Staat. Es war die größte privat-öffentliche Landspende in der Geschichte.
Mit unbeirrbarer Entschlossenheit setzte Kris die Projekte fort, gründete »Rewilding Chile« und »Rewilding Argentina« und knüpfte ein Netz von Partnerschaften, das bis in die Vereinten Nationen reichte. Unter ihrer Leitung entstanden weitere Nationalparks, Meeresreservate und Projekte zur Wiederansiedlung ausgestorbener Arten. In den weiten Feuchtgebieten von Iberá streifen wieder Jaguare umher. Eine Rückkehr, die ohne Kris’ Engagement unmöglich gewesen wäre.

Kris Tompkins I Foto: Tompkins Conservation
Ein Erbe von Weltrang
Heute umfasst das Werk der Tompkins mehr als 15 Nationalparks mit zusammen über vier Millionen Hektar Land – eine Fläche größer als die Schweiz.
In Chile wandelte sich die anfängliche Skepsis in Respekt. Die Parks sind nicht nur zu ökologischen Schatzkammern geworden, sondern auch zu wirtschaftlichen Impulsen für abgelegene Regionen. International gilt das Modell als wegweisend: Unternehmerisches Vermögen verwandelt in Naturkapital, das kommenden Generationen gehört.

Regenwald in Chile I Foto: Galyna Andrushko/Shutterstock.com
Die Nationalparks im Überblick
Das Erbe der Tompkins lässt sich auch in Zahlen und Namen fassen. Einige der wichtigsten Nationalparks, die durch ihre Stiftungen entstanden sind:
- Parque Nacional Pumalín Douglas Tompkins (Chile): Über 400.000 Hektar Regenwald, Fjorde und Vulkane. Eines der größten Schutzgebiete in Chile und Herzstück von Dougs Vision. Besucher wandern durch uralte Alerce-Wälder, übernachten auf schlichten Campingplätzen oder in kleinen Eco-Lodges, stets begleitet vom Gefühl, in eine fast unberührte Welt einzutauchen.
- Parque Nacional Patagonia (Chile): Entstanden aus ehemaligen Viehranch-Gebieten, heute ein Paradies für Guanacos, Pumas und Nandus. In Valle Chacabuco steht die »Patagonia Park Lodge«, eine umgebaute Estancia, die Reisenden nicht nur Unterkunft, sondern auch einen unmittelbaren Blick auf die Rückkehr der Wildtiere schenkt.
- Parque Nacional Corcovado (Chile): Ein abgelegenes Küstengebiet voller dichter Wälder und wilder Flüsse, Heimat des seltenen Andenhirschs Huemul. Wer hierher reist, braucht Abenteuerlust und Erfahrung – der Park ist nur mit Guides erreichbar, ein Ort, der Wildnis in ihrer reinsten Form bewahrt.
- Iberá-Nationalpark (Argentinien): Riesige Sümpfe und Lagunen, in denen wieder Jaguare, Ameisenbären und Sumpfhirsche leben. In kleinen Lodges wie Rincón del Socorro können Gäste den Tieren auf Augenhöhe begegnen, jede Übernachtung unterstützt direkt die Rewilding-Projekte.
- Monte León (Argentinien): An der Atlantikküste Patagoniens gelegen, schützt dieser Park Pinguine, Seelöwen und eine dramatische Küstenlandschaft. Touristen wandern hier entlang der Klippen, ohne große Hotelanlagen, dafür mit der ungestörten Nähe zur Natur.
Zusammen ergeben diese Parks ein Mosaik aus unterschiedlichsten Ökosystemen: von subtropischen Feuchtgebieten bis zu den eisigen Anden. Sie alle sind zugänglich, doch nie überfüllt – Orte, an denen Reisen zum Mittel wird, um den Schutz der Natur dauerhaft zu sichern.
Auf der Webseite der »Tompkins Conservation« findest du alle von ihnen gegründeten Nationalparks.

Guanaco vor dem Cuernos del Paine in Chile I Foto: Agnieszka Gaul/Shutterstock.com
Der Blick in die Zukunft
Doug Tompkins glaubte, dass die Natur nicht dem Menschen untergeordnet werden darf, sondern dass der Mensch Teil eines großen Ganzen ist. Kris trägt diese Überzeugung weiter, unermüdlich, oft ausgezeichnet, doch stets demütig vor der Größe der Aufgabe.
Die Geschichte der Tompkins ist mehr als eine Biografie zweier außergewöhnlicher Persönlichkeiten. Sie ist ein Lehrstück darüber, wie Vision und Mut Landschaften, Gesellschaften und das Denken über die Zukunft der Erde verändern können.
Zehn Jahre nach seinem Tod im Dezember 2015 lebt Doug Tompkins’ Vision weiter – in den Wäldern, Sümpfen und Bergen Südamerikas, in jedem Kondorflug über Patagonien und in jedem Jaguar, der wieder durch Iberás Sümpfe streift.

Doug Tompkins
In dieser Reportage bekommst du einen tiefen Einblick in die Landschaft Patagoniens bekommen! Hier findest du zudem unsere Tipps für eine Wanderung in Patagonien.
Leselektüre gefällig?
Yvon Chouinard tat das Unvorstellbare: Der Patagonia-Gründer verschenkte seine Milliardenfirma und leitete alle künftigen Gewinne in den Klimaschutz. Journalist David Gelles begleitete ihn exklusiv und erzählt in »Der Mann, der Patagonia verschenkte« aus dem Nxt Lvl Verlag die Geschichte eines Kletterers, der zum Unternehmer wurde – und am Ende alles der Umwelt widmete. Ein Buch wie ein Weckruf, das zeigt, wie Verantwortung heute aussehen kann.
Hier kommst du zur Webseite des Next Levll Verlag, wo du das Buch kaufen kannst.
