Kathmandu ist bunt und liebenswert chaotisch – nicht zuletzt wegen der unzähligen kuriosen Läden, die die Straßen von Nepals Hauptstadt säumen. Wenn unsere Kolumnistin Susanne in ihrer Wahlheimat auf Zeit einkaufen geht, erlebt sie regelmäßig kleine Überraschungen.

Zwar hatte ich in Nepal schon öfter das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Vergangene Woche ist es aber zum ersten Mal, seit ich in Kathmandu lebe, wirklich passiert: Die Zeiger meiner Armbanduhr drehten sich nicht weiter. Ich brauchte eine neue Batterie. Glücklicherweise gibt es nicht allzu weit von unserer Wohnung einen kompetenten Uhren-Service. »Lovely Watch Repairing Center« steht auf einem Schild über dem verbeulten Eingangsbereich des Geschäfts – und »lovely« ist es auf eine Art tatsächlich.

Einkaufen in Nepal: Uhr-Repariergeschäft

Susanne Helmer

»Center« allerdings führt in die Irre. Es handelt sich vielmehr um ein kaum mehr als ein Quadratmeter großes Kabuff mit Schräge. Dort kann der Uhrmacher nur dann aufrecht stehen, wenn er sich nach vorn zu seinem Mini-Verkaufstresen herumdreht.

Und doch hat er hier alles, was er braucht: ein Regal mit ein paar Tischuhren und Weckern, eine Auslage mit Armbanduhren, einen Streifen freie Fläche, an dem er immerhin zwei Wanduhren präsentieren kann, und eine Werkbank samt Schemel, über der ein Ventilator und sogar ein Flachbildfernseher an der Wand hängen. Auch an die wartende Kundschaft ist gedacht. Sie kann auf einer kleinen Bank direkt vor der Bude Platz nehmen, während der Fachmann Batterien oder Armbänder austauscht und ihre Uhren wieder auf Vordermann bringt.

Einkaufen in Nepal: Verkauft wird in der kleinsten Hütte

Das »Lovely Watch Repairing Center« ist ein Raumwunder – wie so viele Geschäfte hier in Nepal. Die Inhaber sind wahre Meister darin, kleine Flächen optimal zu nutzen. Da wird noch die schmalste Lücke zwischen zwei Gebäuden mit Wellblech überdacht, mit Regalteilen versehen und zum Kiosk umgewandelt; da wird Ware bis knapp unter die Decke gestapelt, an Bretter genagelt, an Haken gehängt und um Säulen gewickelt. Grenzenlos ist der Ideenreichtum nepalesischer Einzelhändler.

Weil viele am Ende trotzdem wesentlich mehr Produkte als Platz haben, steht ein Großteil ihres Sortiments vor ihrem Geschäft statt drinnen. Bei Haushaltswarenläden zum Beispiel sieht man vor lauter aufgetürmten Pfannen, Schüsseln, Plastikeimern, Schrubbern und Elektrogeräten oft den Eingang nicht.

Shop für Haushaltsgeräte in Kathmandu

Susanne Helmer

Und hat man sich dann mit dem Artikel seiner Wahl durch die schmale Gasse zur Kasse gekämpft, muss dieser erst einmal sauber gemacht werden. Kein Händler, der nicht immer einen Lappen griffbereit hätte – zu viel Staub fliegt auf Kathmandus Straßen durch die Luft und lagert sich in kürzester Zeit auf der Ware ab. Und zwar auch auf der, die drinnen steht.

Hier gibt es Regenjacken und, äh, Obst

Doch nicht immer sind Sortiment und Dienstleistung so leicht auszumachen wie bei Haushaltswarenläden und Uhrmachern. In manchen Geschäften baumeln an Schnüren befestigte Bananen hinter Regenmänteln herum oder Chipstüten über Turnschuhen. Fast fünf Monate lebe ich mittlerweile in Kathmandu und noch heute laufe ich durch die Straßen dieser Stadt, nehme die Ladenzeilen ins Visier – und wundere mich.

Vor allem die Kioske verblüffen mich mit ihrer Produktvielfalt immer wieder aufs Neue. Es gibt unzählige in der ganzen Stadt. Egal in welchem Teil von Kathmandu ich mich bisher aufgehalten habe, mehr als fünfzig Meter musste ich kaum jemals laufen, um den nächsten zu erreichen.

Susanne Helmer vor einem Verkaufsstand in Kathmandu

Susanne Helmer

Was man in den kleinen Geschäften außer Nahrungsmitteln und anderen Dingen des täglichen Lebens so alles kaufen kann, bleibt eine Überraschung, bis man sie betreten hat.

Einer der Läden bei uns im Viertel bietet zum Beispiel auch einen Mittagstisch an. Die Frau des Besitzers kocht das Essen im hinteren Teil des Gebäudes am heimischen Herd. Die Gäste – maximal fünf passen gleichzeitig hinein – sitzen an zwei winzigen Tischen mitten im Verkaufsraum, zwischen Reissäcken, einem Regal mit Dosenobst und einer Vitrine mit Zahnpasta und Damenbinden.

Nepal ist überraschend teuer

Natürlich gibt es in Kathmandu auch Supermarktketten, die in etwa so aussehen, wie wir sie aus Deutschland kennen. »Big Mart« heißt diejenige, die mein Freund und ich am häufigsten aufsuchen, wenn wir doch einmal größere Einkäufe erledigen wollen. Und jedes Mal, wenn ich dort an der Kasse stehe, staune ich: Hier ist es teurer als in Deutschland! Ein Liter Milch (die haltbare Variante im Tetrapak, die man nicht erst aus hygienischen Gründen abkochen muss) kostet umgerechnet zwei Euro, acht Rollen Klopapier (sofern es wenigstens zwei Lagen haben darf) um die fünf Euro. Für 100 Gramm Schokolade (jedenfalls für die, die auch schmeckt) werden drei Euro fällig. Und guter Frischkäse ist nahezu unbezahlbar.

Für die hohen Preise gibt es einen einfachen Grund. Nepals eigene Wirtschaft ist noch immer schwach, das Land in hohem Maße abhängig von Indien und China. Eine Vielzahl von Produkten wird deshalb importiert, vor allem aus Indien und China, aber auch aus Thailand und der EU.

In den Buden am Straßenrand macht mir das Einkaufen mehr Spaß – und birgt immer wieder neue  Überraschungen. Erst neulich habe ich wieder eine erlebt: »Juice Shop« stand in riesigen Lettern auf dem Schild über dem kleinen Laden, daneben prangte eine Eis-Werbung. Drinnen gab es aber weder eine nennenswerte Auswahl an Saft noch konnte man das angepriesene Eis hier kaufen. Stattdessen habe ich zufällig Sekundenkleber gefunden. Super! Ich hatte ohnehin welchen gesucht.

susanne helmer

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