Bevor er mit dem Motorsegler M/S Galileo die griechische Ägäis erkundete, kannte unser Autor Philipp Eins Kreuzfahrten nur aus dem Fernsehen. Nach einer Woche war er überrascht: Mit dem »Traumschiff« hatte die Tour nur wenig gemeinsam – zum Glück.

Es ist ein heißer Sommertag um die Mittagszeit, als mich die Erinnerung an das breite Grinsen von Kapitän Heinz Hansen überkommt. Mit einem Sektglas in der Hand stehe ich auf dem Sonnendeck des Kreuzfahrtschiffes M/S Galileo, die Crew macht gerade die Leinen im Hafen von Piräus los und nimmt unter den aufbrausenden Schaufelgeräuschen der Schiffsschraube Kurs aufs griechische Mittelmeer.

Je mehr das Boot Fahrt aufnimmt, desto ausgelassener ist die Stimmung an Bord. Stewards in gebügelten und gestärkten weißen Uniformen reichen den Passagieren kalte Vorspeisen, sogenannte Mezze – da liegt der Gedanke an den Kapitän des »Traumschiffs«, der bekanntesten aller Kreuzfahrt-Serien im deutschen Fernsehen, recht nahe. Seit dem Grundschulalter bin ich geschädigt durch die seichten Filme im Vorabendprogramm, die in meiner Familie allabendlich über den holzgetäfelten Röhrenfernseher flimmerten.

Passagiere an Bord der Schiffes

Philipp Eins

Ich nahm Platz am Esstisch der Familie »Drombusch«, streifte mit den Kindern aus dem »Forsthaus Falkenau« durchs Dickicht und ging zur Rentner-Primetime am Wochenende mit dem »Traumschiff« auf Weltreise. Während Kapitän Hansen, der mit seinen strahlend weißen Zähnen aussah wie ein Modell aus einer Zahnpastawerbung, den Ozeankreuzer »FTI Berlin« an die entlegensten Ecken der Weltmeere steuerte, verliebten, stritten und versöhnten sich die Passagiere vor karibischer Schönwetterkulisse. So, dachte ich immer, muss eine Kreuzfahrt sein: hübsch, aber belanglos. Ich kippe den letzten Schluck Sekt hinunter, der Alkohol steigt in der Mittagshitze sofort in den Kopf. Die Sonne spiegelt sich im kristallklaren Wasser, hinter der Skyline von Athen ziehen sich sandfarbene Bergketten am Horizont entlang.

Manches an Bord der M/S Galileo erinnert an die ZDF-Schmonzette

Das wird also meine erste echte Kreuzfahrt, sieben Tage durch die griechische Ägäis. Na dann: Prost! Bei meinem ersten Rundgang erinnert auf der M/S Galileo manches an das Kreuzfahrtschiff aus dem Fernsehen: die beigefarbenen Liegen und weiß lackierten Bänke auf dem Sonnendeck und den überdachten Terrassen, die aussehen wie frisch geschrubbt und poliert. Die luxuriösen Zimmer mit französischem Doppelbett und eigenem Duschbad. Die Bar, an der man bis spät in die Nacht einen Tequila Sunrise oder eine Margarita bekommt. Und das täglich wechselnde Programm aus Inselausflügen und Kinoabenden, das von der Chartergesellschaft Variety Cruises in Form der »Variety Times« ausgedruckt an die Gäste verteilt wird.

Noch auffälliger ist aber, was die M/S Galileo von dem TV-Kreuzfahrtschiff angenehm unterscheidet. Der 48 Meter lange Motorsegler ist mit vier Decks und nur 25 Kabinen kleiner als vermutet, weshalb sich schon nach wenigen Stunden auf hoher See zwischen Passagieren und Besatzung eine familiäre Atmosphäre einstellt. Auf steife Kleiderordnungen und feste Sitzvorschriften im Schiffsrestaurant wird ebenso verzichtet wie auf ein Animationsprogramm und einen Pool. Und der Ton an Bord ist recht ungezwungen. Alles ganz lässig – so mag es auch Diogenis Venetopoulos.

Diogenis Venetopoulos

Philipp Eins

Segel raus, Motor läuft

Der Mitte 30-jährige Eigentümer von Variety Cruises steht mit weit aufgeknöpftem, weißblau kariertem Hemd und Trekkinghose auf dem Sonnendeck, rührt in seinem Drink und beobachtet, wie zwei Crewmitglieder die Segel hissen. Mit drei massiven, rostrot lackierten Stahlmasten ist die M/S Galileo aufgehübscht – dass sich mit der Ausstattung ein Stahlschiff nicht ernsthaft segeln lässt, findet Diogenes nebensächlich. Sieht halt gut aus, meint er. Gefahren wird sowieso unter Motor.

Wenn er selbst Urlaub macht, dann am liebsten auf den Kykladen, sagt Diogenis. Nirgendwo in ganz Griechenland könne er besser surfen, relaxen und den Alltag vergessen. »Kreta ist wie McDonald’s – überfüllt und billig«, sagt er.

»Die Kykladen aber sind wie ein typisches griechisches Lokal – echt und bodenständig.«

Verschlafene Inseln, verwunschene Fischerdörfer

Was Diogenis meint, erfahren wir in den nächsten Tagen beim Besuch von neun der 56 Kykladeninseln. Vor allem Folegandros erweckt den Eindruck, als sei hier die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben. Das verschlafene Eiland, auf halber Strecke zwischen Athen und dem türkischen Festland gelegen, erreichen wir am zweiten Abend unserer Tour. Gerade mal rund 800 Menschen leben dort. Bei der Einfahrt in den Hafen wirkt die Insel, die von schroffen, an der Küste steil abfallenden Felsen durchzogen wird, noch karg und abweisend.

Der Hauptort Chora aber, auf einer Anhöhe im Innern der Insel gelegen, beeindruckt durch seine Einfachheit: In den engen Gassen reihen sich weiß getünchte, von Schlingpflanzen bewachsene mittelalterliche Häuser mit blau lackierten Türen und Fensterrahmen aneinander. Männer mit sonnengegerbter Haut und weiß-grauen Schnurrbärten sitzen vor Tavernen und bestellen Ouzo, griechischen Anisschnaps. Und von der auf dem Gipfel des Gebirgsmassivs gelegenen Panagia-Kirche aus lockt eine berauschende Aussicht aufs Mittelmeer.

Traumhafte Landschaften erwarten uns auch auf einigen der größeren Inseln wie Paros, mit ihren fruchtbaren Olivenhainen und blühenden Gärten. Die rund 13000 Einwohner leben zu großen Teilen von Landwirtschaft und Fischfang. Besonders lohnt sich ein Besuch im verwunschenen Fischerdorf Naoussa, das als eine der reizvollsten Siedlungen der Kykladen gilt. Hier gibt es keine Bettenburgen aus Beton wie mancherorts an der spanischen oder türkischen Küste, sondern lediglich die typischen zweistöckigen, weiß gekalkten Häuschen. Wer es ruhig und idyllisch mag, kann nach einem Spaziergang am Hafen direkt an den Fischerbooten bei einem Glas Rotwein die Nachmittagssonne genießen – und einfach die Seele baumeln lassen.

Extremer Touristenandrang auf Santorini

Dennoch haben die Kykladen noch eine andere Seite, die unser Reeder Diogenis unterschlagen hat: Für einen Ausflug nach Santorini, am südlichen Rand der Inselgruppe gelegen, braucht man mitunter gute Nerven.

Griechische Flagge wehe im Wind auf den Kykladen

Matt Artz/Shutterstock.com

In den Gassen des Hauptortes Thira, der sich auf einem Felsvorsprung vor der Bucht von Caldera befindet und mit einer Seilbahn zu erreichen ist, fühlt man sich wie auf dem Weg zur Stadiontribüne vor einem Fußballländerspiel: Männer in bunten, trikotähnlichen T-Shirts und Frauen in engen Miniröcken und High Heels drängen sich vor Souvenirläden. Ein japanisches Pärchen samt Anhang belagert den Vorplatz einer orthodoxen Kirche, um Fotos für seine bevorstehende Hochzeit schießen zu lassen. Und auch die Aussichtspunkte sind heillos überfüllt.

Eindrücke wie dieser bleiben aber die Ausnahme auf unserer Reise und sind auch unter den Passagieren der M/S Galileo nicht wohlgelitten. Die nämlich sind an Souvenirs genauso wenig interessiert wie an gefühlsduseligen Liaisons mit anschließenden Eifersuchtsdramen, wie man es vom »Traumschiff« kennt. Die Gäste der M/S Galileo wollen nur eines: weg vom Alltag, die Sonne genießen und ganz nebenbei auf den historischen Spuren im Geburtsland der Antike wandeln. Viele kommen von weit her, aus Argentinien, Chile oder Australien, und manche von ihnen sind zum ersten Mal in Europa.

Passagiere aus Australien und Argentinien

So wie Nat und Wynne Gould, ein Pärchen aus der australischen Küstenstadt Perth. Fast alles auf unserer Reise ist für die beiden eine Sensation: die jahrtausendealten Tempel, die wir in der archäologischen Ausgrabungsstätte von Delos besichtigen, aber auch die einsamen, verwunschenen Buchten auf unserem Weg. »Just an ordinary day in paradise«, ein »ganz gewöhnlicher Tag im Paradies« sei es heute, begrüßt mich Wynne eines Morgens und lacht schallend. Wir stehen an der Reling, loben die azurblaue Farbe des Wassers und genießen die Sonne. 38 Jahre sind sie und Nat jetzt verheiratet, aber um bis nach Europa zu fliegen – dafür hat die Zeit noch nicht gereicht, erzählt sie. Ihre Kinder haben ihnen den Trip zum Geburtstag geschenkt. Nicht eine Sekunde bereuen sie die lange und beschwerliche Reise hierher.

Auch Daniel Tagliani und Sebastian Nieva, mit ihren tätowierten Oberkörpern so etwas wie die Paradiesvögel an Bord, haben eine lange Anreise hinter sich. Das Paar kommt aus Argentinien. Wie so oft treffe ich die beiden auch heute auf dem Sonnendeck. Während Sebastian schon einmal in Griechenland war, ist es für Daniel das erste Mal. Die beiden genießen die Ruhe auf dem Meer. Aber auch das rasante Leben auf der Partyinsel Mykonos, die wir zuletzt besucht haben, hat ihnen prächtig gefallen, meint Daniel.

Boot auf Mykonos

Philipp Eins

Schwimmstopps in Buchten mit weißen Traumstränden

Was mich angeht, so genieße ich während unserer Reise auf hoher See vor allem eines: die Schwimmstopps. Fast zwei Stunden täglich gehen wir vor Anker, um ins salzige Meerwasser zu springen und eine Runde zu schwimmen. Dabei sind wir umgeben von Inseln aus Felsgestein, Buchten mit Traumstränden oder einsam gelegenen Landengen. Die Stewards bringen Schnorchel ans Wasser, empfangen uns mit trockenen Handtüchern an Bord und versorgen uns mit griechischem Käse, Oliven und geräuchertem Fisch. An den tollen Service gewöhne ich mich so schnell, dass es mir fast schon unheimlich ist. Ich frage mich, wie ich mich vor dieser Urlaubswoche auf der M/S Galileo in meinem Berliner Singlehaushalt eigentlich zurechtgefunden habe.

Am letzten Abend gibt es das Captain’s Dinner. Es ist der einzige Abend, an dem es etwas förmlicher zugeht als sonst. Kapitän Nickolas Tsoumbakopoulos, ein Mann mit streng zurückgekämmten Haaren, der in 15 Jahren Seefahrt schon einiges erlebt haben muss, hält eine Abschiedsrede im Bordrestaurant. Während er vom Meer und der Schönheit der griechischen Inseln spricht, denke ich an die vergangenen sechs Tage zurück. Anders als auf dem »Traumschiff« war meine erste Kreuzfahrt auf dem kleinen Motorsegler M/S Galileo vor allem eines: erholsam. Als die Passagiere zu klatschen beginnen, ist es ein bisschen so, als ginge ein Familientreffen zu Ende; das Leben an Bord schweißt zusammen. Nur für die Crew ist es das Ende einer Woche wie jede andere. Morgen Nachmittag, wenn wir das Schiff verlassen, kommen schon die nächsten Gäste.

Tipps zum Hinkommen und Buchen

Anreise. Die Lufthansa bietet Flüge von Frankfurt a. M. nach Athen und zurück ab rund € 300 p. P. an. Auch die Schweizer Fluggesellschaft Swiss fliegt von Frankfurt a. M. nach Athen, allerdings mit Zwischenstopp in Zürich. Ein Ticket ist ab € 250 Retour zu haben.

Kreuzfahrt. Eine Kreuzfahrt mit der M/S Galileo  ist über Variety Cruises buchbar.

Den reisen-EXCLUSIV-Guide finden Sie hier.

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