Am zweitgrößten See Mitteleuropas scheint die Luft vor Kreativität und Entdeckertum zu flirren. Am Bodensee schrieben Luftfahrtpioniere Geschichte, und Urlauber gehen hier noch heute gerne in die Luft. Text: Ulrike Klaas

»Steigen Sie mit mir hinauf in die Hindenburg und begleiten Sie mich auf eine Zeitreise nach Amerika«,

sagt Ingrid Kunze und marschiert die enge Stiege hinauf in das Luftschiff. Für die sympathische Mittsechzigerin mit adretter, grauer Kurzhaarfrisur, gehört die Hindenburg mit zur Familie. Denn Ingrid Kunze ist die Schwiegertochter von Richard Kunze, ehemals Maschinist des luxuriösesten Luftschiffs seinerzeit.

Alle zwei Wochen machte sich die Hindenburg auf nach Nordamerika. Wer sich das Abenteuer leisten konnte, musste für die circa drei Tage dauernde Reise rund 1.500 Reichsmark (5.000 Euro) berappen. One way, versteht sich. So bestand die illustre Passagierschar aus Politikern, Schauspielern und Industriellen, die über den Wolken im Luxus schwebten. Die Hindenburg war ein einzigartiger Gigant und hob sich von anderen Zeppelinen ihrer Zeit dadurch ab, dass die Passagiere nicht in einer Gondel unter dem Zeppelin logierten, sondern auf zwei Luxusdecks im Inneren des Auftriebskörpers. Sie ist das größte je gebaute Flugobjekt – zusammen mit dem Schwesternschiff LZ 130, der Graf Zeppelin II.

Zeppelin-Museum, Bodensee

Ulrike Klaas

Mit einer Länge von 245 Metern übertrifft sie noch heute die längsten Passagierflugzeuge wie A380 oder Boeing (bis zu 73 Meter lang), hatte einen Durchmesser von rund 41 Metern und fasste 200.000 Kubikmeter Gas. Sie war das erste Passagierluftschiff, das sich für Transatlantikflüge eignete. Doch die Zeiten, in denen die Hindenburg zum Höhenflug ansetzte, sind längst passé. Am 6. Mai 1937 verbrannte das Luftschiff bei der Landung in Lakehurst an der amerikanischen Ostküste binnen 34 Sekunden. Dieses tragische Unglück beendete auf Jahrzehnte die Ära des zivilen Luftfliegens.

Auf den Spuren von Luftfahrtpionier Zeppelin

Erfinder des Giganten der Lüfte ist Luftfahrtpionier Graf Ferdinand von Zeppelin, der im Jahre 1838 in Konstanz am Bodensee geboren wurde. Er verstarb 1917, so dass er das Unglück von Lakehurst nicht mehr miterlebte. Graf von Zeppelin hat die Luftfahrt im Laufe seines Lebens maßgeblich geprägt. Sein Schaffen ist heute im weltgrößten Zeppelinmuseum in Friedrichshafen eindrucksvoll aufbereitet. Ebenso wie zahlreiche Exponate, die die Geschichte der Luftschifffahrt zeigen. Der Höhepunkt des Museums ist zweifelsohne der maßstabgetreue Nachbau der Hindenburg, dem einstigen fahrenden Luxushotel am Himmel. Ingrid Kunze führt uns die schmalen Gänge entlang, die allesamt cognacfarben ummantelt sind. Wir gehen entlang der Schlafkabinen, die für damalige Verhältnisse höchst fortschrittlich mit fließend warmem Wasser ausgestattet waren. Krönender Abschluss ist neben dem Salon, wo Cognac auf Bauhaus-Möbel trifft, der Speisesaal, wo die Gäste einst à la carte dinierten.

»Mein Schwiegervater erzählte, dass sie auf 400 bis 600 Höhenmetern wohlig dahingeschwebt seien, während unter ihnen die Menschen zusammenliefen«,

erinnert sich Ingrid Kunze. Völlig außer sich im Angesicht dieser Sensation hätten sie Bettlaken zum Gruß geschwenkt, und in den Dörfern hätten die Kirchenglocken geläutet.

Der Zeppelin gehört zum Bodensee wie das Alpenpanorama

Auch heute noch ruft das Luftschiff Bewunderung hervor, wenn es lautlos über den Bodensee schwebt. Dabei gehört der Zeppelin mittlerweile ebenso zum Bodensee wie das gigantische Alpenpanorama. Um noch weiter zu gehen: Friedrichshafen ist Zeppelin. Luftfahrtpionier Graf von Zeppelin hat der Region industriellen Reichtum verschafft und das ehemals beschauliche Fischerdörfchen zu einer Touristenattraktion werden lassen.

Ein Gignat der Lufte: der Zeppelin

Ulrike Klaas

Die Werft der Zeppelin NT liegt in der Nähe des Flughafens. Von außen ahnt man nicht, was sich hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt, die allein wegen ihrer gigantischen Größe ins Auge fällt. Der überdimensionale Hangar ist sozusagen die Garage. Wie gestrandete Wale liegen zwei Zeppeline in der Halle. Der eine hat seine Hülle fallen lassen: Das Gerüst wird vermessen und überprüft, um eventuelle Lecks auszubessern. Der andere ist startbereit und wartet auf die nächsten Insassen, die gleich mit 115 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit auf rund 300 Metern über dem Bodensee dahinschweben. Zwölf Gäste finden in der Gondel Platz. Mit 75 Metern Länge ist der Zeppelin zwar noch etwas größer als Passagierflugzeuge wie der A380, aber an die Maße von Hindenburg und Co. kommt er nicht mehr heran, ebenso wenig wie an die Passagieranzahl.

»Luftschifffliegen ist etwas für Liebhaber«,

sagt Geschäftsführer Thomas Brandt. 2001 startet der kommerzielle Passagierbetrieb am Bodensee, nach jahrelanger Vorbereitung. 150.000 Passagiere sind seit dem Erstflug des Giganten der Lüfte über den Bodensee geflogen. Manche davon haben sich über den Wolken sogar das Jawort gegeben, denn auch Trauungen im Zeppelin sind möglich.

Die zwölf Gäste, die ihren Flug noch vor sich haben, warten im Check-in-Bereich im Besucherempfangsgebäude nebenan auf das einzigartige Erlebnis. Die beliebtesten Strecken? Zur Insel Mainau und nach Lindau. Plötzlich herrscht Aufbruchsstimmung. Die Gefühlslage scheint gemischt. Manche Passagiere strahlen, andere kneten nervös ihre Hände. Und dann ist es schließlich so weit: Der Zeppelin hebt ab. Fast senkrecht wie ein Hubschrauber gen Himmel. Allerdings fast völlig lautlos – mit einer Anmut, die erstaunt. Ein Zeppelinflug – scheinbar die sachteste Art, in die Luft zu gehen.

»Weltweit existieren gerade einmal fünf Zeppeline und zehn Blimps«,

erzählt Brandt weiter. Der Unterschied: Blimps sind Luftschiffe ohne starres inneres Gerüst, die ihre Form lediglich durch die Gasfüllung erhalten. Zeppeline dagegen haben eine Art Skelett im Inneren, bestehend aus Trägern und Streben, gefüllt mit unbrennbarem Helium. »Dieses Modell, das Sie jetzt vor sich sehen, wurde vor zehn bis 15 Jahren in der Form entwickelt«, erklärt Brandt. Aber unermüdlich seien ihre Ingenieure bestrebt, den Zeppelin immer weiterzuentwickeln.

Ebenfalls ein Must-see: das Dornier-Museum

Ein weiterer Senkrechtstarter am Bodensee liegt in Sichtweite. Das Dornier-Museum, benannt nach Claude Honoré Desiré Dornier.

Gut aufgehoben im Dornier Museum, Friedrichshafen

Ulrike Klaas

Sein Förderer? Kein Geringerer als Graf Ferdinand von Zeppelin. Ebenso wie Zeppelin ist Dornier fasziniert vom Fliegen. Die beiden Flugpioniere erobern vom beschaulichen Friedrichshafen aus die Lufträume der Welt. Nach seinem Maschinenbaustudium als Ingenieur beginnt Dornier seine Karriere bei der »Luftschiffbau Zeppelin GmbH«. Sein erstes Projekt: Er baut eine drehbare Halle für Luftschiffe. Sowohl Dornier als auch Zeppelin war früh bewusst, dass das Luftschiff nicht die Zeit überdauern wird. Ab den 1920er-Jahren gründet er sein eigenes Unternehmen, die »Dornier-Metallbauten GmbH« und baut technisch revolutionär Flugobjekte fast vollständig aus Metall.

Flugzeuge, die um die Wel gingen: Dornier Museum Freidrichshafen

Ulrike Klaas

Seine Flugzeuge gehen um die Welt: Das Passagierflugzeug »Merkur« erfliegt sieben Weltrekorde, indem es z. B. die 7.000 Kilometer lange Strecke Friedrichshafen–Berlin–Königsberg–Moskau–Tiflis–Baku–Charkow ohne Probleme zurücklegte. Polarforscher Roald Amundsen erkundet 1925 mit Dorniers Flugboot »Wal« die Arktis. Das Flugschiff Do X geht als größtes Flugzeug seiner Zeit in die Geschichte ein. Vor rund 90 Jahren etablierte Dornier von Friedrichshafen aus eine neue Ära der internationalen Luftgeschichte.

Im Obergeschoss schwirren die Modelle von Dornier umher – in Miniaturgröße. Viele interaktive Stationen sollen auch Kinder und Jugendliche für das Fliegen begeistern. Anschaulich mit vielen Modellen und Exponaten zeigt das Museum das Leben des Flugpioniers. Im Untergeschoss sind seine Modelle in Lebensgröße zu bestaunen.

Flugzeug im sehenswerten Dornier-Museum

Ulrike Klaas

Dort steht in Reih und Glied ein beeindruckender Flugzeug-Fuhrpark, bestehend aus legendären Klassikern, wie dem Hubschrauber Bell UH-1D oder dem Merkur. Die tiefstehende Sonne kündigt die letzten Strahlen des Tages an und hüllt das Dornier-Museum mit seiner metallfarbenen Verkleidung in ein schimmerndes Gewand. In der Ferne ruht der Zeppelin und wartet auf Einlass in den Hangar. Eine friedvolle Idylle, die in den letzten Jahrhunderten doch so manche Luftsprünge erlebt hat. Der Bodensee ist ohne Zweifel eine Region Deutschlands, die mit ihrem Charme beflügelt.

Zeppelin Museum. Geöffnet Mai bis Oktober: täglich 9.00 bis 17.00 Uhr, November bis April: Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00 Uhr. Eintritt für Erwachsene: € 8, Kinder (6-16 Jahre):
€ 3. Führungen in Fremdsprachen möglich. Vorher anmelden. www.zeppelin-museum.de

Zeppelin NT-Werft und -Flüge. Werftbesichtigungen: März bis Oktober, Dienstag und Freitag um 16 Uhr, anmelden per E-Mail: werftbesichtigung@zeppelin-nt.de. Erwachsene € 9, ermäßigt € 5. Rundflüge ab Friedrichshafen: z. B. Flug »Friedrichshafen«, 30 Minuten, € 210 p. P.; Flug »Mainau« (Insel Mainau, Meersburg und Konstanz), Dauer 60 Minuten, kostet € 405 p. P. Weitere Flugangebote unter: www.zeppelinflug.de

Dornier-Museum. Geöffnet von Mai bis Oktober, täglich von 9 bis 17 Uhr, November bis April, dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Erwachsene € 9, Kinder (6 bis 16 Jahre) € 4,50. www.dorniermuseum.de

Info Bodensee. Mehr Infos über die Region sowie das Bundesland Baden-Württemberg gibt es bei der TMBW GmbH, www.tourismus-bw.de oder unter www.bodensee.eu

Den reisen-EXCLUSIV-Guide finden Sie unter: www.reisenexclusiv.com/ziel/europa/reise-guide-bodensee

koffer-anhänger geschenkt

ZUR AKTUELLEN HERBST-AUSGABE REISEN EXCLUSIV