Die Hauptstadt Mexikos hat sich längst vom Moloch zu einer pulsierenden Metropole gemausert. Geschichtsinteressierte kommen hier ebenso auf ihre Kosten, wie der szenebewusste Städtetourist.

Es ist jetzt fast 20 Jahre her, dass ich zum ersten und damals letzten Mal in Mexiko-Stadt gewesen bin. Das ist eine lange Zeit, ich war noch nicht einmal richtig erwachsen, aber abenteuerlustig genug, um auf eigene Faust nach Mexiko zu reisen. Mit Rucksack, wenig Plan und ein paar Brocken Spanisch. Aber auch mit einer lieben Freundin Artemisa vor Ort, die mich bei ihrer Familie aufnahm und mir so das Eingewöhnen arg erleichterte. Ende der 90er war das. Eindrucksvoll erinnere ich mich, wie der Flieger mit vierstündiger Verspätung gegen 22 Uhr landete. Ein Meer aus funkelnden Lichtern, das ich bis dahin nicht gekannt hatte. Mal in lustigen Kurven entlang von Hügeln, dann wieder gerade. Das Flugzeug sackte immer tiefer und tiefer und war scheinbar im Begriff, auf dem Lichterteppich zu landen. Mir wurde kurz mulmig, vielleicht drei Sekunden, ehe die Reifen auf dem spröden Asphalt aufsetzten.

Skyline bei Nacht mit tausend von Lichtern

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Ich war angekommen. In einer Stadt, die einst nur »de effe«, also Spanisch für D.F., gerufen wurde, was unter hartgesottenen Travelers allerdings als Synonym für Moloch galt. Das Gute: Nichts davon stimmte damals so richtig, oder die Hartgesottenen waren in Gegenden unterwegs, wo sie partout nicht hätten hingehen sollen. Zum Glück stimmt es auch heute nicht, nur hat sich Mexiko-Stadt, die sich jetzt CDMX, also »ce de mex«, getauft hat, einen richtigen Kosmopoliten-Anstrich verpasst. Und der, ich nehme es gerne vorweg, steht ihr ausgesprochen gut.

E Centro

»Wie kannst du da deine Kamera mitnehmen?!«, höre ich Arte noch schimpfen. Damals. Dabei war ich doch nur ins Zentrum gelaufen. Zum Zócalo, dem berühmtesten Platz der Stadt, einen ganzen Block nichts als graue, freie Fläche und mittendrin die größte Nationalflagge, die ich jemals gesehen hatte. Die Kathedrale leuchtet heute im Morgengrauen, ich bin noch vor sechs Uhr hier, Jetlag sei Dank. Ein paar versprengte Menschen sind bereits auf den Beinen, Straßenkehrer und Polizisten. Aber die Stadt muss sich erst einmal noch den Schlaf aus den Augenwinkeln kratzen, ehe sie ihren geschäftigen Betrieb aufnimmt.

Mexiko Flagge inmitten großen Platzes mit Kathedrale

Mislik/Shutterstock.com

Mein Blick schweift im Uhrzeigersinn. Rechts hinten die Ruinen des Templo Mayor, dem prächtigen Nationalpalast. Dann das alte Rathaus und schließlich das wunderbare Gran Hotel Ciudad de Mexico. Schon Timothy Dalton und Daniel Craig durften als James Bond durch die schicke, wie eindrucksvolle Art-Nouveau-Halle marschieren. Man muss allerdings kein Geheimagent sein, um sich die Halle nebst Aufzug selbst anzuschauen. Tunlichst geht man auch hinauf in den fünften Stock und trinkt zumindest eine Margarita und überblickt den wunderbaren Zócalo und lässt sich ein klein wenig mexikanisches Flair um die Nase wehen.

Geschichte und Mythen

Das Museum um den Templo Mayor zeigt die bewegte Geschichte der Azteken und ihren Kampf gegen die spanischen Eroberer. Vor allem zeigt sie Einblicke in den mythenreichen Glauben. Tlaloc und Huitzilopochtli, die Götter für Regen und Krieg, waren ihnen dabei stets die wichtigsten. Ohne Regen keine Nahrung, ohne Krieg kein Verteidigen des eigenen Territoriums. Wobei man den Azteken nachsagt, sie seien deshalb so kriegstreibend gewesen, um Menschenopfer zu gewinnen und so die Götter gnädig zu stimmen. Und wohl auch, um den Untertanen das Fürchten zu lehren.

Der Gedanke daran lässt mich kurz erschaudern, und ich bin froh, doch etwas später auf diese Welt gekommen zu sein. Alles kulminierte hier im historischen Zentrum auf engstem Raum. Leben und sterben, untergehen und wieder auferstehen. Fast wie in einem James-Bond-Film, wobei Daniel Craig auch froh sein dürfte, nicht zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert geboren worden zu sein. Höchste Zeit für einen Kaffee.

Frida & Diego

Ich bleibe beim Film. Die wunderbare Salma Hayek spielt Frida Kahlo, 2002 kommt der Film in die Kinos. »Vorher war Frida Kahlo überhaupt nicht von internationalem Interesse«, erzählt Pablo Maya Ortega, Chef des Kulturfestivals im historischen Kern der Stadt. »Danach aber umso mehr«, lacht er. Und es ist wahr, Touristenströme wandern nun zu den Stellen, die der Film auf wunderbare Weise auffängt, da er weitgehend auch an den Originalstätten gedreht wurde.

Frida Kahlos Haus mit Rollstuhl und Gemälde

Andreas Dauerer

Im Colegio de San Ildefonso, quasi direkt hinter dem Templo Mayor, haben sich einst die junge Frida und der schon damals berühmte Diego Rivera zum ersten Mal getroffen. Sie, die 15-jährige Schülerin, und er, der 20 Jahre ältere Künstler, Lebemann, notorischer Fremdgänger. Er war in Europa bekannt geworden und arbeitete jetzt im Konzertsaal an seinem ersten Wandfresko in Mexiko und schuf anschließend im benachbarten Palacio de la Secretaría de Educación Pública sein Lebenswerk.

Buntes Wandgemälde mit unzähligen Menschen

Andreas Dauerer

Auf rund 110 Quadratmetern verewigte der Kommunist auf zwei Stockwerken unzählige Murals in und um das Leben Mexikos. Im ersten Stock sind es vor allem Bilder, die das harte Landleben aus verschiedenen Regionen zeigen, im zweiten Stock widmet er sich dem mexikanischen Proletariat und der Agrarrevolution. Auch ein Bildnis seiner Frida Kahlo findet sich zwischen den Wandbildern.

Erde und Freiheit

Noch mehr über die Geschichte Mexikos aus den Händen und Vorstellungen Riveras findet man auch im Palacio Nacional direkt am Zócalo. Eines der größten zusammenhängenden Fresken gibt es über der Treppe vom Patio hinauf in den ersten Stock zu bestaunen. Gewissermaße als Tierra y Libertad, Erde und Freiheit, betitelt, zumindes halten die Arbeiter oben genau jenen Revolutionsspruch in die Höhe, den Emiliano Zapata als Revoltenführer für sich in Anspruch genommen hat. Auch Frida ist mit dabei, sie trägt ein grünes Kleid, und hinter ihr recken Männer ein Schild mit Huelga, also Streik, in die Höhe.

Überhaupt kann man mittlerweile schwer von Rivera sprechen, ohne Frida zu nennen. Zu verquickt ist ihre gemeinsame Geschichte. Ihre voller Leid, die die Härte des Lebens ein ums andere Mal spüren sollte. Seine als gefragter Künstler und illustre Figur des gesellschaftlichen Lebens, der die Missständen auf sehr drastische Weise in seiner Kunst Ausdruck verleiht und bei allem Engagement stets Fridas größter Förderer bleiben sollte.

Kunst als Politikum in Mexiko-Stadt

Deshalb lohnt sich auch ein Besuch im Palacio de Bellas Artes. Neben Rivera sind auch die beiden  mexikanischen Freskenschwergewichte dort ausgestellt, nämlich José Clemente Orozco und David Alfaro Siqueiros. Die Wandbilder sind ungemein eindrucksvoll, und es ist faszinierend, mit welcher Strahlkraft hier die Kunst zum Politikum avanciert. Alle drei Männer so links, wie man nur sein kann, Sozialisten, Kommunisten, Trotzkisten und doch unerbittliche Gegner im Zeichen der Kunst. Ihre Bilder strotzen nur so von einer unheimlichen Dunkelheit und scharfer Sozialkritik. Daneben werden aber auch andere nationale Künstler ausgestellt.

Und schließlich im zweiten Stock ein ganz frühes Selbstbildnis von Frida Kahlo, das sie nach ihrem schweren Unfall, den sie mit 18 Jahren erleiden musste, gemalt hat. Ihre ganz persönliche Geschichte, und ein bisschen auch jene von Rivera, guckt man sich am besten in ihrem Geburtshaus, der Casa Azul im Stadtteil Coyoacán, an.

Selbstbildnis der Frida Kahlo in Museum

Andreas Dauerer

Käfer zum Mezcal

Vorher aber geht es zum Essen. Diesmal meide ich die unzähligen mobilen Stände, die mir mexikanisches Streetfood anbieten wollen. Nicht etwa, weil mir das nicht schmecken würde, weit gefehlt. Nein, die mexikanische Küche hat, so erzählt mir das auch Pablo, die letzten Jahre schon einen gewaltigen Schub erlebt und sich immer weiter verwandelt. Zum Guten, natürlich. Hippe und hervorragende Restaurants findet man inzwischen sehr viele, vor allem in szenigen Vierteln wie Roma und Condesa, etwas mehr »posh« wird es dann höchstens noch in Polanco, aber auch das ist erträglich. Hier ist man also stets gut aufgehoben, um die Nacht zum Tag zu machen, und mitunter reicht es als Ortsunkundiger, den Taxifahrer nach geeigneten Möglichkeiten und eigenem Geschmack zu fragen.

Wir aber bleiben unserem kleinen Radius heute treu und landen im Limosneros, vier Blocks vom Zócalo entfernt und zwei von der Fußgängerzone Calle Francisco I. Madero. Eine angenehme Kühle umschmeichelt uns im modern gestalteten Gewölbe, um kurz darauf wieder etwas wärmer zu werden. Schließlich kommt als Aperitif gleich der Tejolote auf den Tisch, ein Cocktail aus Avocado, Koriander, blauem Mais, Chili Serrano und, natürlich, Mezcal. Die Küche beschreibt man wohl am besten als regional mit internationalem Touch. Also bekommt man hier durchaus auch Dinge, die auf der Straße üblich sind. Salsa de Molcajete etwa, oder Cocopaches.

Kleine Häppchen mit gerösteten Insekten

Andreas Dauerer

Nur Reis und Bohnen? …

Hinter Ersterem verbirgt sich eine Soße aus Tomaten und Chili, die man sich vor den eigenen Augen mixen lassen kann. Und als kleines Zuckerl gibt es hier noch geröstete Grashüpfer zum Drüberstreuen. Hinter Letzterem verbergen sich Insekten, einzeln angerichtet auf einem Würfel Hüttenkäse, der von Kürbisblättern zusammengehalten wird. »Wenn man sich überwindet, dann schmeckt das ganz fantastisch «, lacht Pablo und steckt sich eine Portion in den Mund.

Ich probiere es auch, mache brav meine Augen zu, merke aber, dass ich nicht mit vollem Elan darauf kaue, sondern sehr schnell hinunterschlucke. Vom Insekt selbst schmeckt man die salzig-herbe Röstung, das war’s aber auch schon. Wer seine Nerven oder den antrainierten Ekel in den Griff kriegt, kann hier auf ganz wunderbare Weise seinen kulinarischen Horizont erweitern. Schließlich muss ja auch Geschmack erlernt werden.

… nicht die Bohne!

Weiter geht es mit Escamoles, die mexikanische Art des Kaviars. Mit Fisch hat das Ganze jedoch nichts zu tun, es kommen Ameiseneier angerichtet auf sehr feinem Bohnenmus auf den Tisch, was jedoch hervorragend schmeckt. Wobei ich nicht ganz genau weiß, ob die Ameiseneier in meinem Kopf einfach weniger imaginären Schaden anrichten als fingergroße Käfer. Beim Tlacoyo, einem Mais-Taco mit Saubohnen, Käse und Chinicuil-Würmern, sieht es wieder etwas anders aus. Da kann man wieder richtig zubeißen, wohingegen die Mollejas, also Kalbsbries, gar kein Problem darstellen.

Tisch mit vielen leckeren Speisen

Andreas Dauerer

Etwas herkömmlicher sind dann aber die Hauptgerichte, wo man einfach bei Fleisch und Fischvariationen vom Lamm über Steak bis Hase oder Speisefisch über Calamari bis hin zu Oktopus die Qual der Wahl hat. Natürlich steht das Schälchen mit den gerösteten und leicht zerstoßenen Heuschrecken so lange wie nötig auf dem Tisch. Erst zum Nachtisch wird auch das von der freundlichen Bedienung mit in die Küche genommen. Irgendwie passen sie nicht so gut zum »Chocolatiza«, dem leicht scharfen Schokoladeneis mit Kardamom oder anderen leckeren Eisspezialitäten des Hauses. Was hingegen anschließend wunderbar passt, ist ein Espresso und, wer hätte es nicht schon längst gedacht, ein Gläschen Mezcal, ohne Mixtur. Schließlich sollte man sich stets erinnern, in welchem Land man sich gerade befindet.

Weitere Informationen zu Mexiko und seiner Hauptstadt gibt es hier.

 

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