Wer Natur, Abenteuer und warme Temperaturen das ganze Jahr über sucht, wer keine Lust auf Bettenburgen und Restaurantketten hat und lieber abseits ausgetretener Wanderpfade seinen Weg findet, dessen nächstes Reisetraumziel sollte Dominica lauten. Text: Simone Sever

Dreimal muss ich umsteigen, um von Hamburg auf die karibische Insel Dominica zu kommen. Einen Direktflug gibt es nicht, denn der kleine Inselstaat der Kleinen Antillen in der östlichen Karibik verfügt zwar über zwei Flughäfen, allerdings nicht für große Maschinen und so lande ich im Dunkel der Nacht gegen 19.30 Uhr in einer kleinen Propellermaschine auf Doh-mi-Nieh-ka (Betonung auf der dritten Silbe) und bin schon mittendrin in meinem Abenteuer durch Raum und Zeit.
Dominica bei Sonnenuntergang

Joseph Thomas Photography/Shutterstock.com

Es ist lange her, dass ich hier war. Vor fast 30 Jahren entdeckte ich mit meinem damaligen Freund zum ersten Mal das 50 Kilometer lange und 22 Kilometer breite Inselchen. Ich weiß noch, der Flug war ein buckelige Angelegenheit. Der hohe Strickhut eines Rastafarians, unter dem seine Locken in Schach gehalten wurden, drückte sich bei jedem Hüpfer der Maschine an die Decke, wo er sich zu meinem Vergnügen wie ein Zieharmonika zusammen- und wieder auseinander faltete. Nach der sicheren Landung inspizierte der lokale Zoll akribisch Hut und Gepäck des dunkelhäutigen Mannes. Uns Hellhäutige winkte man einfach durch.
»Das ist ja wieder typisch«, erlaubte ich mir im Vorbeigehen auf Deutsch zu bemerken.
Woraufhin der Rastafarian – am gefühlten Ende meiner damalig bekannten Welt – zu unserer Überraschung in breitestem Norddeutsch: »Joa, das is überall so!« erwiderte. Der coole Typ, dessen Namen ich nach so vielen Jahren leider nicht erinnere, kam aus Bremen, wo er einen Raggae-Club betrieb.

Lang, lang ist’s her

Am Flughafenausgang trafen wir uns wieder und kamen ins Gespräch. Der Bremer Rastamann half uns die Mietautostation zu finden, wir boten ihm an sein Gepäck in unseren Jeep zu werfen und fuhren ihn zum Haus seiner Eltern, irgendeinen Berg hoch in der Nähe der Inselhauptstadt Roseau. Mit seiner Empfehlung für ein günstiges Hotel, dem Namen seines Rastafarian-Bruders, der uns dann am nächsten Tag mitnahm zur Indian River-Tour, und einer Einladung zum Essen für den nächsten Abend verabschiedeten wir uns vorerst.
Inselhauptstadt Roseau

Anita Denunzio

Jetzt, fast drei Jahrzehnte später kann ich gerade noch das Schild Indian-River-Tour erkennen, als mein Taxi Richtung Hotel fährt. Auf den ersten Blick erscheint mir Dominica wenig verändert. Die Natur hab ich genauso üppig abgespeichert, die Straßen damals wie heute nicht überall in bestem Zustand, hier und da dröhnte und dröhnt scheppernde Musik aus den Hütten und Häusern am Straßenrand. Ich habe alte Fotos dabei.
alte Bilder

Simone Sever

Vielleicht helfen die mir den einen oder anderen Ort wiederzufinden. Wobei das schwierig ist, denn seit meinem letzten Besuch trafen vier verheerende Hurrikanes den Inselstaat. Maria im September 2017 fegte mit einer tödlichen Kategorie 5 über die Insel. Die Zerstörungen sind auch zwei Jahre später noch sichtbar. Die Holzhütten auf meinen Fotos also eventuell gar nicht mehr existent.

Johnny Depp war auch schon hier

Ich erinnere mich an ein großes, schmiedeeisernes Tor vor dem wir klingelten am Abend unserer Einladung: der Mond stand schon am Nachthimmel, die Sterne leuchteten strahlender als die vereinzelten Straßenlaternen. Wir waren die Einzigen mit nordeuropäisch hellem Hautton weit und breit. Für die Einheimischen, die im Dorf noch unterwegs waren, sind wir zu dem Zeitpunkt definitive Hingucker. Heute ist das anders, der internationale Tourismus ist längst auch auf Dominica gelandet. Allerdings nicht in alles verzehrenden Schwärmen, sondern sanft wie eh und je mit Propellermaschinen und Kleinflugzeugen – abgesehen von den Kreuzfahrtschiffen, die dem Inselstaat dringend notwendige Einnahmen verschaffen – aber meist nur für ein paar Stunden in Rouseau anlegen.
Auf dem Indian River, der an der Westküste ins Karibische Meer mündet, ist heute im Vergleich zu damals deutlich mehr los, etwa wenn gerade eines dieser großen Kreuzfahrtschiffe angelegt hat. Am frühen Abend, die Sonne zieht sich langsam zurück und die Kreuzfahrtschiffe sind unterwegs zu neuen Häfen, herrscht wieder Ruhe.
Indian River Dominica

Don Cristian Ramsey/Shutterstock.com

Die Vögel singen, hier und da ist eine Krabbe zusehen und sogar ein Leguan, scheint sich im Dickicht der teils einhundert Jahre alten Mangroven zu sonnen. Der zweite Teil von »Fluch der Karibik« mit Jonny Depp, Keira Knightley und Orlando Bloom wurde in dieser einzigartigen Natur gedreht. Darauf einen Dynamite Punch an der Bush Bar!

Von Rum und quakenden Hühnern

Rum war es auch, den man uns damals zur Begrüßung anbot, als wir bei unserem Freund vor der elterlichen Tür standen. Wobei … erstmal war Skepsis. Wir klingelten, der dicke Dackel knurrte. Die Frau des Hauses warf einen Blick auf uns: Helle Haut! Fremde? Was wollen die so spät? Ganz im Ernst, meine Oma Emma hätte doch in umgekehrter Weise ganz genauso reagiert. Die alles umschlingende Herzlichkeit kam erst als der Sohn erklärte. Da wurde der Rum rausgeholt, wir in die Arme genommen und gar nicht mehr losgelassen. Und es wurde für uns gekocht: Fisch im Bananenblatt.
Fisch in Bananenblättern

Dolly MJ/Shutterstock.com

Ich hatte damals noch nicht mal einen Schimmer, dass Bananenblätter haben und von Kochbananen im Leben noch nichts gehört. Draußen quakte es laut. »Berghühner«, erklärt der Vater. Verstanden hab ich das nicht, denn Hühner gackern doch. Sie sprachen hier auf den Inseln wohl eine andere Sprache. Erst jetzt weiß ich, dass die Mountainchicken gar keine Hühner, sondern Frösche, genauer Antillen-Ochsenfrösche waren, die in den 90-er-Jahren gefangen und dann verspeist wurden. Heute sind die Berghühner fast ausgestorben.
Meine alten Fotos helfen mir weder das Dorf noch das Haus der damaligen Reisebekanntschaft wiederzufinden. Es sind immer wieder nur Fragmente, die ich erinnere: Gefühle, Geräusche, Geschmack. In der Hauptstadt Roseau, die besonders hart vom Hurrikan Maria getroffen wurde, finde ich zur Mittagszeit »The Great Old House«, ein landestypisches Restaurant. Hier serviert man mir, was auch schon in meiner Erinnerung so famos geschmeckt hat: Fisch mit Kochbanane und einer großen Portion Herzlichkeit des Besitzers Leonard.

Wo sind die Strandschönheiten auf Dominica?

Ohne Auto und den Mut auf der linken Straßenseite zu fahren, ist man ziemlich aufgeschmissen in Dominica, will man sich die Naturschönheiten der Insel nicht entgehen lassen; etwa die vulkanisch schwarzsandigen Strände der Westküste. White Sandy Beaches hat der Osten im Angebot mit wuchtigen atlantischen Wellen und weißer Gischt. Weichgewaschene, rötliche Felsen erinnern an den Ayers Rock der Aboriniges und sind in Calibishie, einem Ort im Norden der Westküste direkt am Atlantik zu entdecken und über einen leichten Wanderweg gut erreichbar.
Calibishie auf Dominica

Simone Sever

Der eine oder andere Strand ist hingegen nur mit gutem Schuhwerk und Kletterlust zu erobern. Dann kann es aber sein, dass kein Mensch weit und breit zu sehen ist. Heiße Quellen, hochgelegene Seen im Nebel, zahlreiche Wasserfälle: Natur im Überfluss, das ist Dominica.
Nur drei Tage und zwei Nächte hatte ich bei meinem ersten Besuch der Insel eingeplant und schaffte es am Ende natürlich nicht, alle Naturschönheiten zu besuchen. Ich reiste ab ohne die Trafalga-Falls zu besuchen.
»Es muss immer einen Grund für eine Wiederkehr geben!«, sagte ich mir damals.
Und dachte dabei ganz sicher nicht, dass es 27 Jahre braucht bevor ich endlich vor den Wolkenkratzer hohen Zwillingswasserfälle stehe, die rauschend vom Berg fallen.
Wasserfall Dominica

Isaw Company

Der größte Traum ist ziemlich schwer und kann schwimmen

Einer für mich beeindruckenden Schätze der Insel ist aber nicht auf den 750 Quadratkilometern zu finden, es ist keiner der 365 Flüsse und auch nicht der Morne Diablotins, der mit 1.447 Metern höchste Berg des Eilandes. Für meinen Inselschatz fahre ich mit August, der sich gern mit dem Nachsatz »born in december« vorstellt und Pam vom Team PH Whale Watch Dominica raus ins Deep Blue. Ich würde so gern Wale sehen und die Chancen in den tiefen Gewässern rund um Dominica sind das ganze Jahr über hoch.
Mit einem kleinen, wendigen offenen Hartschalenboot und einem aus Küchenutensilien gebauten Sonargerät, springen wir über die seichten Wellen auf der Suche nach den Giganten des Meeres. August hat jahrelange Erfahrungen und einen guten Riecher für die Meeresriesen. Plötzlich gibt er Gas. Wir schlagen hart auf den direkt von vorn kommenden Wellen auf bis August das Gas wegnimmt. Sanft schaukeln wir jetzt auf dem tiefblauen Wasser. Meine leider ziemlich blinden Augen scannen die Wasseroberfläche. Nichts als plötzlich eine Wasserfontäne in die Luft schießt und mir dieses Glück die Tränen in die Augen treibt: direkt vor uns treibt ein Pottwal.
Pottwal Dominica

Andres Corredo

In angemessenem Abstand folgen wir dem Tier eine Weile, denn August weiß, bevor der Pottwal abtaucht, muss der Sauerstoff speichern. »Haltet eure Kameras bereit«, ruft er uns zu, »jetzt!« und direkt vor uns taucht der Meeresriese ab und zeigt höchst fotogen zum Abschied seine wunderschöne Fluke.
Zum Schnorcheln im Champagner-Reef schaffe ich es nicht mehr, aber, es muss schließlich immer einen Grund geben, wiederzukommen! Es gibt so viele!

Hier geht’s lang auf Dominica

Mehr Informationen über Dominica gibt es auf der Seite des Fremdenverkehrsamt Dominica.
Wie sich Autorin Simone Server im Cabrits Resort & Spa Kempinski Dominica gebettet hat, kann man in ihrer Geschichte »Fünf Sterne und Meer auf Dominica« nachlesen.
Lust auf einen Wanderurlaub im natürlich schönen Traumreiseziel Dominica. Dann bitte hier entlang: »Die besten Wanderwege durch Dominica«.