Das Comeback der Nachtzüge: Ab Dezember 2021 sollen wieder vermehrt Nachtzüge durch Europa rollen – der Klimadebatte sei Dank. Wir stellen die geplanten Strecken vor und verraten, was Gäste an Bord erwarten könnte.

Bahnfahren ist eine klimaschonende Alternative zu Flugzeug und Auto und bei umweltbewussten Urlaubern seit langer Zeit beliebt. Das gilt auch für Bahnreisen über Nacht.

Nachtzug rast durch Bahnhof

Tom Grünbauer

Nachtzüge bieten den Passagieren spezielle Schlafwagen, die Abteile mit bis zu vier Betten, Bettwäsche und einer Waschgelegenheit offerieren. Und in sogenannten Liegewagen können Reisende die Sitze zu einer Liege umklappen. Immerhin.

Was allen Abteilen gemein ist: Man checkt abends sein, bezieht seinen Schlafplatz, tuckert die ganze Nacht durchs Land und steigt morgens im besten Fall ausgeschlafen am Zielbahnhof aus. Damit sind die Nachtzüge deutlich entspannter als Autofahrten oder Flugreisen in aller Herrgottsfrühe. Und umweltschonender sowieso. Eigentlich eine gute Sache. Eigentlich.

Rückblick: Aus für die City Night Line 2016

Lange Zeit dachte man das auch in Deutschland. Die Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Gesellschaft, kurz Mitropa genannt, erblickte 1916 das Licht der Welt und wollte den Menschen das Reisen in Speise- und Schlafwagen in Deutschland, Österreich und Ungarn schmackhaft machen. Das ging auch sehr lange Zeit gut.

Blick in den Speisewagen eines alten Mitropa-Zuges

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Das Problem irgendwann: Zu wenigen Menschen nutzen die Nachtzüge. Die DB European Railservice wurde gegründet, sie war fortan verantwortlich für die Nachtzüge. Mit dem City Night Line, so hieß der Nachtzug der Deutschen Bahn fortan, ging es komfortabel und unkompliziert auf insgesamt 17 Verbindungen in acht europäische Länder. Einfach abends in den City Night Line einsteigen und morgens ausgeschlafen im Zentrum von Amsterdam, Berlin, Kopenhagen, München, Paris, Prag, Rom, Wien oder Zürich ankommen, so das Versprechen der Nachtzug-Betreiber. Tickets für europaweite Ziele wurden ab 59 Euro pro Person und Strecke im Liegewagen auf den Markt geworfen.

Bis Ende 2016. Dann hatte die Bahn-Konzernzentrale die Nase voll – und nahm die Nachtzüge aus dem Verkehr. Zu hohe Kosten, zu unrentabel. Die Bahn fuhr nur noch Verluste mit den Nachtzügen ein, hieß es. Im Dezember 2016 wurde dann endgültig der Stecker gezogen: Die Bahn wollte das Nischengeschäft nicht länger betreiben. Tot waren die Nachtzüge in Deutschland damit aber noch lange nicht.

Die Liebe der ÖBB zu den Nachtzügen

In unserem Nachbarland, bei der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), war man von dem radikalen Einschnitt nicht überzeugt. Ganz im Gegenteil. Die Österreicher griffen beherzt zu, als sich die Deutsche Bahn zurückzog. Sie übernahmen 40 Prozent der Nachtzuglinien der Deutschen Bahn und kauften ihr 15 Liegewagen und 42 Schlafwagen ab.

Ein ÖBB-Nightjet im Wiener Hauptbahnhof vor der Abfahrt

ÖBB/Harald Eisenberger

Mit ihrem Brand »Nightjet« sind sie es nun, die Urlauber und Geschäftsreisende nachts über Deutschlands Gleise transportieren. »Seit die ÖBB 2016 die Marke Nightjet etabliert haben, gab es jedes Jahr zumindest eine neue Strecke«, sagt Bernhard Rieder, Pressesprecher der ÖBB. Im Januar 2020 wurde die Strecke Wien-Brüssel ins Leben gerufen, im März 2021 wird die Strecke Wien-Amsterdam sowie Innsbruck-München-Amsterdam aufgenommen.

Wer jetzt überlegt, wie lang man wohl unterwegs ist, hier ein paar Infos: Die ÖBB-Nightjet-Züge nach Amsterdam beispielsweise fahren in Innsbruck um 20:44 Uhr los, Ankunftszeit in Amsterdam-Centraal ist 09:58 Uhr. Retour fahren die ÖBB-Nightjet-Züge um 19:30 Uhr ab Amsterdam Centraal mit Ankunft in Innsbruck um 09:14 Uhr bzw. in Wien um 09:19 Uhr. Rund 13 Stunden also ist man unterwegs.

Eigenes Bett im Schlafabteil des Nightjets

Im Gegensatz zur Deutschen Bahn, die in ihren normalen Tageszügen nur die 1. und 2. Klasse kennt, bieten die Österreicher für die Fahrt durch die Nacht Schlaf-, Liege- und Sitzwagen an. Die Ausstattung der ÖBB-Züge könnte eine Blaupause für das sein, was Reisende in den Nachtzügen auch in Zukunft erwartet.

Am komfortabelsten sind die Schlafwagen-Abteile. Es gibt sie in der Standard- und Deluxe-Variante. Wer hier einsteigt, den erwarten frisch bezogene Betten mit Decke, Laken und Kopfkissen, die vor und nach dem Schlafengehen in Sitze umgewandelt werden können. Es gibt ein Willkommensgetränk, eine Zeitung, Handtücher, Seife, Hausschuhe und Ohrstöpsel, Mineralwasser sowie ein Frühstück, das aus einer Speisekarte nach Belieben zusammengestellt werden kann.

Während das Standard-Abteil mit einem Waschbecken aufwartet, bietet das Deluxe-Abteil sogar ein eigenes Bad mit Waschbecken, Dusche und WC. Beide Varianten können von ein bis drei Personen gebucht werden. Wer mehr Privatsphäre will, der kann die Abteile in den drei Kategorien auch als eigenes (Privat-)Abteil buchen. Für allein reisende Frauen gibt es sogar die Möglichkeit, das »Damenabteil« in einem Liegewagen zu wählen.

Junge Frauen liegen in einem Abteil des ÖBB-Nightjets

ÖBB/Harald Eisenberger

Eine Fahrt von Wien nach Köln oder Hamburg ist im Schlafwagen ab rund 220 Euro zu haben.

Die ÖBB unterhält aktuell 19 Nachtzuglinien. Ab 2024 wollen die ÖBB 26 Nachtzuglinien betreiben. »Wir haben neue Züge bestellt und werden ab Ende 2022 13 neue Nightjet-Züge, und ab Ende 2023 20 weitere neue Nightjet-Züge im Einsatz haben«, sagt Rieder. Vor allem ÖBB-Chef Andreas Matthä glaubt an den Erfolg: Die Klimadebatte habe das Thema Nachtzüge »noch einmal ordentlich geboostet«, sagte er im Sommer dieses Jahres im Gespräch mit der FAZ.

ÖBB-Chef Andreas Matthä

ÖBB/Marek Knopp

Matthä ist überzeugt: »Der Nachtzug bringt uns ein enorm positives Image. Nachtzüge sind rollende Werbung«, erzählte er der Wirtschafswoche.

Die Klimadebatte und das Comeback der Nachtzüge

Nicht allen gefiel, dass die Deutsche Bahn keine Nachtzüge mehr unterhielt. Umweltbewussten Reisenden nicht, aber auch immer mehr Politikern nicht. Es passte einfach nicht in den Trend, dass die klimaschonendste Reise ein Produkt vergangener Zeiten sein sollte. Im EU-Parlament sah man das genauso. Am 1. Dezember schließlich hatten sich die Europaabgeordneten des Verkehrsausschuss darauf geeinigt, das kommende Jahr der Stärkung des Schienenverkehrs zu widmen.

EU-Flaggen vor EU-Gebäude in Brüssel

Guillaume Périgois

Ein starkes Schienennetz, so heißt es, sei unverzichtbar, um die Klimaziele der EU zu erreichen. Dazu gehört auch ein starkes Nachtzugnetz, das Schlüssel zu einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Mobilität sein solle.

Unterdessen beriet sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer mit seinen EU-Amtskollegen, der Europäischen Kommission sowie Vertretern der Eisenbahnunternehmen über über einen modernen europäischen Schienenverkehr. Er stellte dabei das Konzept für einen »TransEuropExpress (TEE) 2.0« vor. »Wir wollen Zugverbindungen europaweit besser miteinander verknüpfen. Damit können Unternehmen Hochgeschwindigkeits- und Nachtzüge gezielt einsetzen und Bahnfahren wird auch für weite Strecken echt interessant«, sagte Scheuer.

13 Metropolen sollen miteinander verbunden werden

Vergangene Woche dann wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Die bereits bestehenden Kooperationen zwischen den vier Bahnunternehmen Deutsche Bahn (DB), den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), der französischen SNCF und den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) sollen ausgebaut werden. Vier neue Nightjet-Linien sollen in den nächsten Jahren angeboten werden können. Insgesamt 13 europäische Millionenmetropolen sollen so miteinander über Nacht verbunden werden.

Die ersten Strecken sollen im Dezember 2021 an den Start gehen: Wien–München–Paris und Zürich–Köln–Amsterdam. Zwei Jahre später sollen die Strecken Wien/Berlin–Brüssel/Paris und im Dezember 2024 die Strecke Zürich–Barcelona fertig sein.

Luftaufnahme vom Wiener Hbf

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Wir alle glauben fest daran, dass Nachtzüge eine Schlüsselrolle im Europa von morgen spielen werden. Sie sind umweltfreundlich und werden das Interesse unserer Bürger am Zugfahren steigern,

Maria Leenen, Chefin der Unternehmensberatung SCI

Maria Leenen

frohlockte Frankreichs Staatsminister Jean-Baptiste Djebbari nach dem Beschluss zum großen Comeback der Nachtzüge.

Eins fällt auf. Die Zugverbindungen erlauben Reisen in einem bestimmten Zeitrahmen. Meist sind es Entfernungen, die binnen zehn bis 15 Stunden absolviert werden können. Das sei auch logisch, denn »nicht jede Strecke passt für eine Nachtverbindung. Sie muss die richtige Distanz und Reisedauer bieten und die Abfahrts- und Ankunftszeiten sind nur in einem bestimmten Zeitfenster abends und morgens möglich«, erläutert Maria Leenen, Chefin der auf das Bahn-, Infrastruktur und Verkehrsbusiness spezialisierten Unternehmensberatung SCI.

Abends hin, morgens da. Das ist das Credo der Nachtzüge. Das funktioniert auf vielen Strecken. Aber längst nicht auf allen.

Bahn-Expertin Leenen: »Mit dem Nachtzug ein besonderes Reiseerlebnis genießen«

Dennoch hält Mara Leenen die angekündigte Renaissance des Nachtzugs für ein gutes Zeichen. »Die Reisenden haben nun über die ICEs hinaus eine Alternative zum Flugverkehr und zudem die Chance, mit dem Nachtzug ein besonderes Reiseerlebnis zu genießen«, sagt sie. Allerdings hänge der Erfolg der Nachzüge nicht alleine vom Angebot der Bahnen und der Unterstützung der Politik ab – am Ende müsse auch die Nachfrage der Reisenden selbst ausreichend hoch sein. »Wir erleben aber derzeit, dass die Fahrgäste sich für diese Transportart interessieren – vor allem bei ihren Familien- und Gruppenreisen in den Urlaub«, so ihre Beobachtung.

Junges Paar sitzt händchenhaltend im Zug und blickt aus dem Fenster

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Ob die Nachfrage für die Nachtzüge hoch sein wird, hängt sicherlich auch unter anderem vom Preis ab. Will man in den Nachtzug komfortabel im Schlafwagen übernachten, werden locker 200 Euro fällig. Damit ließe sich bei rechtzeitiger Buchung schon fast in der Business Class fliegen. Mara Leenen findet den Vergleich mit dem Flieger »nicht ganz fair«. Richtiger wäre ein Vergleich mit Hotel und Flug, sagt sie. Dumpingpreise seien eher nicht zu erwarten, denn die Züge seien tagsüber nicht ausgelastet. »Aber auch durch ihre geringeren Fahrgastkapazitäten, den notwendigerweise großzügigeren und weit aufwändigeren Innenausbau und ihr höheres Servicelevel sind diese Züge für den Betreiber kostenintensiv«, erläutert sie.

»Nachtzüge bleiben immer ein Nischenangebot«

Politik und Medien sind also gut beraten, in den Nachtzügen nicht das Reisefortbewegungsmittel mit erheblichem Wachstumspotential zu sehen. »Nachzüge werden immer ein Nischenangebot bleiben, das Gros der Reisenden wird klassische Hochgeschwindigkeitszüge wie den ICE oder den TGV bevorzugen, da diese schneller sind und im Takt verkehren. Trotzdem ist eine Reise im Nachtzug zum Urlaubsort ein bleibendes Erlebnis – gerade für Familien und Gruppen«, so Leenen.

Um möglichst viele Bahnreisende für die Nachtzüge zu begeistern, sei es notwendig, vor allem moderne Nachtzüge anzubieten, sagt Leenen. »Nicht jeder Reisende im Jahr 2020 weiß den Charme der Züge aus der Zeit von Agatha Christies Orientexpress zu schätzen.«