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Unsere Kolumnistin Susanne lebt in Kathmandu und hat mittlerweile alle Jahreszeiten einmal vor Ort erlebt. Eines weiß sie mittlerweile: Nepal im Winter zu erleben, das ist anstregend. Hier erzählt sie, warum die kalten Monate in Nepal besonders hart sind und wie sich die Menschen in dem Land zu helfen wissen.

Seit ich in Kathmandu lebe, bin ich öfter gefragt worden, was eigentlich die beste Reisezeit für Nepal sei. Heute, da ich alle Jahreszeiten vor Ort erlebt habe, kann ich euch sagen: Der Winter ist es nicht. Es sei denn, man ist hart im Nehmen. 

Was das genau heißt? Sagen wir mal so: Seit Anfang Dezember lehrt Nepal mich das Frieren und noch nie habe ich mich so sehr durch die kalte Jahreszeit gequält wie hier. Wer jetzt das Handy zückt und per App die aktuelle Wetterlage in Kathmandu checkt, wird sich vielleicht wundern: Tagsüber 12 bis 16 Grad, wolkenlos, heiter. Was gibt es denn da bitteschön zu meckern?

Heiterer Himmel in Nepal im Winter

Susanne Helmer

Winter in Nepal: Draußen recht freundlich, drinnen recht frisch 

In der Tat zeigt sich der Winter in Kathmandu draußen ausgesprochen freundlich. Meist scheint die Sonne und es ist hell – kein Vergleich mit dem Grau-in-Grau, das sich einem dieser Tage vielerorts in Deutschland bietet. Aktuell haben wir häufig gute Sicht und können die Gipfel des Himalayas gestochen scharf von unserer Terrasse aus sehen. Ein Anblick, der uns den Rest des Jahres meist verwehrt bleibt.

Das Problem ist auch nicht der Winter. Das Problem ist, dass die Gebäude in Nepal nicht für ihn gemacht sind. Schlecht gedämmtes Mauerwerk und nicht isolierte Fenster – gern mit Ritzen so breit, dass man seinen kleinen Finger durchstecken kann – sorgen dafür, dass die Räume kein Fitzelchen Wärme speichern. Und dass es hier keine Kachelöfen geschweige denn Zentralheizungen gibt, muss ich wohl nicht erwähnen. 

Katze sitzt neben Standheizung in Nepal im Winter

Susanne Helmer

So ist es drinnen oft kälter als draußen und leider gibt ausgerechnet unsere Wohnung ein Extrembeispiel ab: Sieben Grad haben wir morgens im Wohnzimmer. Sieben. Grad. Ich übertreibe nicht und leide sehr. Hier in Nepal hatte ich die hartnäckigste Erkältung und direkt im Anschluss die schmerzhaftesten Nackenverspannungen meines Lebens. 

Im Hotel gibt’s ne Wärmflasche zur Nacht

Recht frisch ist es aber nicht nur in den Wohnhäusern. Reisende sollten wissen: Auch viele Hotels sind weder mit Heizungen noch mit Klimaanlagen ausgestattet. Üblicherweise bieten sie ihren Gästen Wärmflaschen für die kalten Nächte an. Selbst in teureren Restaurants weicht momentan jede Gemütlichkeit – so sie denn normalerweise herrscht – der Kälte. Und wer günstig und »local« Dal Bhat, Momos oder Curry essen will, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer ziemlich zugigen Bude. In der Sprachschule, in der ich arbeite, stehe ich derzeit überwiegend in meiner Winterjacke vor der Klasse. Überhaupt, die Winterjacke: Es gibt Tage, an denen ich von morgens bis abends kein einziges Mal aus ihr herauskomme.

Kolumnistin Susanne eingepackt in ihrer Winterjacke

Susanne Helmer

Die Einwohner haben derweil ihre eigene Art, Nepal im Winter zu überstehen. Sie zünden vor ihren Häusern am Straßenrand Papier und Pappe an. Auf meinem Heimweg von der Arbeit sehe ich alle paar Hundert Meter ein Grüppchen von Menschen um ein kleines Feuer herumstehen, Handinnenflächen Richtung Flammen. Natürlich verstehe ich ihren Drang, sich aufzuwärmen, gleichzeitig betrachte ich ihre wenig nachhaltige Methode mit Sorge: Die Luft in Kathmandu ist schlimm genug und tausende Lagerfeuer in der ganzen Stadt machen sie nicht gerade besser. 

Mit Thukpa und Tongba gegen die Kälte

Oft sind es Speisen und Getränke, die für ein bisschen Wohlgefühl sorgen. Da wäre zum Beispiel Thukpa, die leicht scharfe tibetische Nudelsuppe, von der ich seit Anfang Dezember sicher 30 Schalen gegessen habe. Die beste Thukpa kocht Sherpa-Didi in ihrem Lokal ganz in der Nähe unserer Wohnung. Mit »Didi«, deutsch: »große Schwester«, spricht man in Nepal alle Frauen an, die älter sind als man selbst. Und dass unsere Didi zur Ethnie der Sherpa gehört, verrät ihr gleichnamiges Restaurant.

Scharfe Nudelsuppe aus Nepal

Susanne Helmer

Sherpa-Didi jedenfalls versorgt uns nicht nur regelmäßig mit ihrer köstlichen Nudelsuppe, sondern auch mit Tongba – einem weiteren kleinen Wundermittel im Kampf gegen die Kälte. Tongba, auch »tibetisches Bier« genannt, ist das traditionelle Getränk der Sherpa und anderer Bergbewohner im Osten von Nepal. Es wird in einem imposanten Becher aus Holz oder Aluminium samt Strohhalm serviert, der mit fermentierter Hirse und einem Hefegemisch gefüllt ist und mit Wasser aufgegossen wird. Bei der Fermentierung entsteht Alkohol – und wie viele Umdrehungen das Gebräu letztlich hat, findet man erst dann heraus, wenn man es trinkt. Einmal war das Tonga von Sherpa-Didi so stark, dass mein Freund Ishan und ich schon nach der ersten Runde die Augen verdrehten. Normalerweise gießt man den Inhalt drei bis viermal mit heißem Wasser auf, bis er irgendwann seinen leicht säuerlichen Geschmack verliert. So hält Tonga über Stunden warm – übrigens auch die Hände, die den Alubecher halten. 

Nepalesische Köchin hält zwei Heißgetränke und lächelt in die Kamera

Susanne Helmer

Die beste Reisezeit für Nepal sind der Frühling und der Herbst

Weil es nun aber auch keine Lösung ist, sich jeden Abend zu betrinken, haben Ishan und ich allerhand Hilfsmittel für zuhause angeschafft. Wir sind inzwischen im Besitz zweier Wolldecken, vierer Wärmflaschen, zwei davon elektrisch, einer Gasheizung, die bei Gebrauch aber zu sehr stinkt, einer Heizdecke, eines Heizlüfters und eines Heizstrahlers. Letztgenannte schaffen es leider nicht, ein ganzes Zimmer zu erwärmen. Es ist direkt vor ihnen Platz zu nehmen, damit man ihre Wirkung spürt. So sitzen wir also Abend für Abend vor einem der Geräte, hoffen, dass der Strom nicht wieder ausfällt, und warten auf den März. Letztes Jahr war das der Monat, in dem es schlagartig wieder warm wurde.

Und um auf die Frage nach der besten Reisezeit für Nepal zurückzukommen: Erspart euch Nepal im Winter. Erspart euch auch den Monsunregen im Sommer. Kommt am besten im Frühling oder im Herbst. 

susanne helmer

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