Dicke Luft, scharfes Essen und chaotischer Verkehr: Seit unsere Autorin Susanne in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu gezogen ist, hat sie sich an viele Dinge erst einmal gewöhnen müssen. Mittlerweile steht sie vor einer ganz neuen Herausforderung: Sie lernt jetzt Nepalesisch.

Es wird nie langweilig, durch Kathmandus Straßen zu laufen. Immer verlangt irgendetwas meine gesteigerte Aufmerksamkeit. Mal ist es eine Kuh, die im Weg liegt und sich nicht vom Fleck rührt, mal ein Affe, der im Affenzahn auf einer Mauer auf mich zurast. Oft sind es Motorradfahrer, die fest davon überzeugt sind, dass der Stau sich schneller auflöst, wenn sie nur laut genug hupen.

Straßenschild auf Nepalesisch

Susanne Helmer

Die Frau, die auf Schilder starrt

Seit Kurzem gibt es noch etwas, das mich unterwegs in seinen Bann zieht: Schilder. Zumindest solche, die mit Devanagari-Buchstaben bedruckt oder bemalt sind. Devanagari –  so heißt die Schrift, in der Nepalesisch geschrieben wird. Vor ein paar Wochen habe ich begonnen, sie zu lernen und seitdem dauert mein Weg zur Arbeit in einer Sprachschule etwas länger. Von Verkehrs- bis Verbotsschild, von Wegweiser bis Werbung: Alle paar Meter stoppe ich und starre, lege die Stirn in Falten bei dem Versuch, die Zeichen zu entziffern und ihnen Bedeutung abzuringen. Manchmal gelingt mir das auch. Meist aber ziehe ich mit mindestens einer Stirnfalte weiter.

Nepalesische Schriftzeichen

Susanne Helmer

Nepali lerne ich übrigens aus freien Stücken und nicht etwa, weil ich unbedingt muss. In Kathmandu kommt man nämlich wunderbar auch ohne Kenntnisse der Landessprache zurecht. Überall dort, wo sich ausländische Gäste aufhalten, sprechen Angestellte und Verkaufspersonal Englisch. Die jungen Menschen in den Städten sind der Weltsprache fast alle mächtig und streuen großzügig Anglizismen in ihre Muttersprache ein. Reisende müssen sich also keine Sorgen machen, wenn sie außer der Begrüßung »Namaste« (Nicht vergessen, dabei die Handinnenflächen auf Brusthöhe zusammenzubringen!) nichts auf Nepalesisch sagen können. Ich kenne selbst Expats, die seit Jahren hier leben, ohne sich je näher mit der Sprache beschäftigt zu haben.

Susanne Helmer mit Nepalesisch-buch

Susanne Helmer

Mich motivieren gleich mehrere Dinge, sie zu lernen: Ich möchte mich mit den Eltern meines Freundes, die kein Englisch sprechen, unterhalten können. Ich möchte dieses Land, seine Kultur und seine Menschen besser verstehen  – und dazu ist die Sprache nun mal ein wichtiges Werkzeug. Und ich möchte unbedingt Devanagari beherrschen, die bereits erwähnte Schrift, die übrigens auch für Sanskrit und einige moderne indische Sprachen wie Hindi und Marathi verwendet wird.

Devanagari: Hier ein Haken, dort ein Kringel

Noch immer kommt sie mir wie ein Geheimcode vor, in den ich nicht vollständig eingeweiht bin. Kein Wunder: Devanagari zu lernen ist eine mühselige und zeitaufwändige Angelegenheit. Fast 50 Zeichen muss ich mir einprägen, von denen einige sich zum Verwechseln ähneln. Sie können zudem halbiert und miteinander verschmolzen werden, sodass man sie als Laie kaum wiedererkennt. Und als wäre das nicht genug, gibt es jede Menge Haken, Punkte, Striche und Kringel, die ihnen ebenfalls ein anderes Aussehen und einen anderen Klang verleihen.

Frau hält Bleistift und Radiergummi und lernt nepalesische Schriftzeichen

Susanne Helmer

Einen einfachen Satz im Devanagari-Skript zu Papier zu bringen, erfordert viel Geduld und Konzentration. Jedes zweite mit dem Kuli geschriebene Wort muss ich wieder streichen, so oft vertue ich mich mit den Buchstaben. Zum ersten Mal seit meiner Schulzeit habe ich mir deshalb einen Bleistift samt Anspitzer und Radiergummi angeschafft.

Nepalesisch lernen: Ka, ka, ka, ka …… hä?

Zum Glück habe ich beim Lernen Hilfe. Zweimal pro Woche treffe ich meine junge und geduldige Nepali-Lehrerin Simran. An unsere erste Stunde kann ich mich gut erinnern: Simran schenkte mir eine kindgerechte Broschüre mit dem Devanagari-Skript samt Umschrift in lateinischen Buchstaben. Sie forderte mich auf, ihr die ersten Konsonanten des nepalesischen Alphabets nachzusprechen. »Ka, ka, ka, ka«, machte sie vor und lächelte ermutigend. Ich schaute sie verdattert an. Erlaubte sie sich einen Spaß mit mir? »Ka, ka, ka, ka«, sagte sie noch einmal und deutete auf die Buchstabenreihe in dem bunt bedruckten Heft. Simran hatte keineswegs viermal dasselbe gesagt, sondern »Ka, kha, ga, gha«. Ja, genau so hab ich auch geguckt.

Nepalesische Frau lächelt in Kamera

Susanne Helmer

So lernte ich, dass die Konsonanten behaucht und unbehaucht daherkommen und dass es schon besser wäre, den Unterschied hören und sprechen zu können. Sonst drohen Missverständnisse, die schnell auch mal peinlich werden können: »Dal« beispielsweise heißt »Linsen«, unter »dhal« hingegen versteht man »Kondom«. Ähnlich klingende Begriffe mit und ohne Hauch verwechsle ich bis heute ständig – sehr zur Erheiterung meiner Lehrerin, die mir dann jedes Mal beide Wörter extralaut und extradeutlich vorspricht, nur damit ich abermals  keinen Unterschied erkenne. Inzwischen ist das unser Running Gag.

So sehr ich ich mich auch an Schrift und Aussprache abmühe, so sehr freue ich mich über all die Dinge, die ich schon gelernt habe. Längst habe ich ein paar Lieblingswörter auserkoren: »Mayalu« zum Beispiel (Liebling) und »biralo« (Katze). Ich weiß, dass Reis in Nepal nicht gleich Reis ist –  ungekochter Reis heißt »chamal«, gekochter aber »bhat«, und selbst für übriggebliebenen Reis gibt es einen feststehenden Begriff: »basi bhat«. Mittlerweile kann ich mich auf Nepalesisch vorstellen und ganz kleine Alltagsdialoge führen. Wie spät es ist und wie viel etwas kostet, kann ich auch schon fragen. Ich verstehe zwar meistens die Antwort nicht, aber das kann ja noch werden.

susanne helmer

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