Wandern mit Kindern – an dem Vorhaben sind schon Elterngenerationen gescheitert. In Reit im Winkl im Chiemgau versucht man es mit einem neuen Ansatz. Erfahrene Mütter führen die Kleinen als Wanderguides auf die Alm. Text: Stefan Weißenborn

Wie ein Mantra wiederholt Adrian diesen einen Satz: »Wir gehen nicht wandern, wir gehen nicht wandern!« Mein vierjähriger Sohn meint es ernst. Auch um die Lust seines größeren Bruders Jakob ist es nicht sonderlich bestellt. Wir haben ein echtes Motivationsproblem, das weiß ich, das weiß Daniela, die Mutter der beiden. Unsere Verabredung mit Marlies Speicher, einer erfahrenen Mutter von zwei Söhnen, die heute unsere Wanderführerin sein soll, droht zu platzen.

Marlies Speichern mit Buch in Hand vor Kindern beim Wandern

Stefan Weißenborn

»Wandern mit Müttern« – dieser Ansatz, erschien uns, als wir davon lasen, einen Versuch wert. »In Reit im Winkl übernehmen einheimische Mütter die Rolle von Wanderführern und begleiten Familien auf leichten, kindergeeigneten Ausflügen«, hieß es.  An den Führungen kann man teils mit Anmeldung, teils spontan teilnehmen.

Wandern mit Kindern: Treffpunkt am Wanderparkplatz

Doch von Wie-die-Kinder-erstmal-zum-Wanderparkplatz-kriegen – dazu stand da nichts. Fünf Minuten nach 11 und damit fünf Minuten zu spät kommen wir mit dem Auto auf dem Wanderparkplatz Hindenburghütte in Reit im Winkl-Blindau an. Hastig raffen wir die Sachen aus dem Kofferraum zusammen. Die Rücksäcke sind noch nicht ganz perfekt gepackt. Hier noch eine Regenjacke reingestopft, da noch eine Sonnenkappe, und wo ist die Sonnenmilch? Egal. Die Gruppe wartet.

Kinder beim Wandern im Wald

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Kurz darauf stehen wir vier mit den anderen zwölf plus Marlies Hand in Hand im Kreis. Mit Marie und Lina, mit Elif und Ela, mit Maxi und Viktoria, zwischen 3 und 11 Jahre alt. Und den jeweiligen Eltern, auch eine Oma ist dabei. Marlies, erfahrene Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern im Studentenalter, beugt sich nach vorn und sagt im sanften, hinwendenden Ton einer Kindergärtnerin: »Zur Begrüßung sagen wir wie in Reit im Winkl?« Wartet kurz ab, und fährt fort, da aus den verschüchterten Kindergesichtern keine Antwort kommt: »Griaß di!« Und strahlt.

»Wandern gehen«, das bedeute »ja genau: Wunder sehen«, strahlt Marlies weiter. »Grüne Frösche und blaue Beeren zum Beispiel.«

»Blaubeeren!«, ruft Jakob, auf Knopfdruck plötzlich begeistert. »Ja, von denen haben wir ganz viel da oben!«, knüpft Marlies schnell an. Ein erster Funke ist übergesprungen. Alle Kinder schaffen den Weg bis zur ersten Rast, die das Grüppchen allerdings schon nach fünf Minuten an einem Waldspielplatz einlegt, wo Marlies die Kinder bittet, die Augen zu schließen. Aus dem Rucksack fischt sie ein Buch und liest daraus ein Märchen vor: »Hänsel und Knödel«.

Blaubeeren an Strauch

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Ein Plätschern dringt in die Ohren, es riecht nach Moos

Als sie das Buch zuklappt, kramt die Wanderführerin Wäscheklammern hervor, beschriftet sie mit den Namen der Kinder und heftet sie ihnen an. Ihr gelingt es, die Sprösslinge an den Spielgeräten vorbeizulotsen – auf einem mal steinigen, mal laubbedeckten Pfad, der schnell steiler und schmaler wird, über rutschige Holzbrückenkonstruktionen führt und auch die volle Aufmerksamkeit der Eltern erfordert, damit vor allem die Kleineren auf dem glitschigen Grund nicht ausrutschen. Ein Plätschern dringt in die Ohren. Rechts und links türmen sich Felswände auf, die sich mit jedem Schritt weiter verengen: Das zusammen gewürfelte Familien-Trüppchen ist in der Klausenbach-Klamm angekommen. Und niemand mault. »Schaut mal, da war die Natur mit dem Lineal zugange«, haucht Marlies und zeigt auf eine der geometrischen Felskanten.

In der Felsspalte scheint es ein paar Grad kühler zu sein, es ist dunkler, es riecht nach Moos und Feuchtigkeit. Die Atmosphäre ist da: Marie (9) steht der Mund offen, Elif (4) und Ela (6) bekommen noch größere Augen als ohnehin schon. Ich nutze die Gelegenheit und frage Marlies nach ihren besten Tricks: »Wie bekommt man Kinder denn bitteschön zum Wandern?« »Es muss kurz und knapp sein, und unterwegs müssen knackige Sachen dabei sein – wie die Klamm.«

Irgendwann landert der Kleine auf meinen Schultern …

Die Klamm war offenbar so knackig, dass zumindest Adrian auf dem folgenden, zugegeben eher uninspirierenden Schotterweg, in ein neues Motivationsloch plumpst, während der Rest der Rasselbande in versprengter Ordnung weiter trabt. Der Vierjährige wirft sich an Mamas Schienbein und piepst: »Ich kann nicht mehr!«. Daniela sagt: »Wir können jetzt umdrehen, aber dann müssen wir das jetzt machen – oder wir müssen weiter gehen.« Klare Ansage, kein Feedback. Marlies eilt zur Hilfe, kniet sich in Adrians Blickhöhe. Aber es hilft nichts. Die Handbremse sitzt fest.

Kinder mit Stock im Wald beim Wandern

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Weil ich den Wanderversuch mit Kindern nicht so schnell aufgeben will, lasse ich mich schneller als sonst erweichen – mit dem Ergebnis, dass Adrian bald weiter wandert: auf meinen Schultern. Ich meine, den ein oder anderen Blick der anderen Eltern zu spüren, die jetzt gute Argumente brauchen, um ihren Nachwuchs nicht auch schultern zu müssen. Zum Glück ist der nächste Rastplatz bald erreicht, als wir links in eine Lichtung mit Hütte, Grillplatz und Teich einbiegen, wo Marlies jetzt Stifte aus ihrem Rucksack holt:

»Schaut mal, sucht Euch so einen glatten Stein« – sie hebt einen auf – »und malt darauf, was ihr im Wald mögt!« Die Idee zündet.

Jakob malt einen Pilz, Maxi einen Frosch, Ely ein Blatt. Erst eine ganz schön große Libelle über dem Teich und reißt die Kinder aus ihrer künstlerischen Kontemplation, alle stürzen hin. Das Insekt tanzt, das Wasser plätschert, und Marlies sagt strahlend: »Manche kaufen sich eine CD, um bei solchen Geräuschen zu entspannen, und wir haben das live hier.«

Kühe als braune Tupfer im satten Grün der Hänge

Dann geht es hoch zur Demel-Alm auf knapp 900 Metern – aber nicht ohne eine Warnung. Denn auf einer Alm können einem schließlich Kühe begegnen, die nicht von einem tickenden Elektrozaun auf Distanz gehalten werden. »Wenn Ihr die anschaut, gehen sie auf Euch zu. Aber ein Wanderstock hilft«, sagt Marlies. »Zur Not müsst ihr der Kuh damit eins auf die Nase hauen.«

Kühe hinter Zaun auf Wiese

Theo Leconte

Die Kinder stürmen los und suchen nach passenden Stöcken am Wegrand. Jakob stochert bald darauf im Klausenbach, der das Klausental durchzieht, das sich in geschwungenen, saftigen Wiesen bis in die Höhen und bis nach Österreich zieht. Kühe als braune Tupfer im satten Grün der Hänge, doch die Kinder sind auf der Suche nach Forellen, die sie nach kurzer Zeit im fließenden Wasser stehend auch entdecken.

»Die letzte Kua, machts Gatter zua!« Den Spruch haben die Kinder noch alle drauf, den Marlies für den Fall, dass wir ein Gatter passieren würden, aufsagte. Jetzt ist’s so weit. Rechts von uns liegen zwei Prachtexemplare von Kühen malmend im Gras. Dass so ein Viech losstürmt, wenn man es fixiert – kaum vorstellbar. Aber die Kinder wenden ihren Blick ehrfürchtig schnell wieder ab.

»Jetzt holts eure Brotzeit aus dem Rucksack«, sagt Marlies, als wir an der Alm angekommen sind. Stullen verzehrend sitzt das Grüppchen vor der Hütte, nur wir haben unseren Proviant in der Hast vergessen und müssen mit den Sonnenblumenkernen vorlieb nehmen, die wir praktisch immer dabei haben.

Holztisch bedeckt mit Brot und Wurst

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Dann gibt’s Adrian großen Auftritt. Mit den Wäscheklammern heftet Marlies Fotos von Tieren an die Rücken der Kinder, die anderen müssen sie beschreiben, ohne sie beim Namen zu nennen. Eltern sehen ihre Kinder ja gern im rosaroten Licht. Aber tatsächlich ist es Adrian als jüngster in der Runde, der als einziger ohne Hilfe errät, wer er ist: ein grüner Frosch.

Kinder mit Tieraufklebern auf Rücken

Stefan Weißenborn

Plötzlich marschieren die Kinder los

Von da an scheinen ihm auch Froschbeine gewachsen. Den Rückweg hüpft er fast im Alleingang und zieht dabei den weit größeren Maxi an der Hand mit sich. Mama und Papa sind abgemeldet, überhaupt scheint die Wanderslust um sich gegriffen zu haben, alle Kinder folgen einfach dem Wanderweg. Unfassbar. Geht’s es jetzt erst richtig los? Oder spornt das nahende Ende zu Höchstleistungen an?

Tugay, der Papa von Elif und Ela hat eine einfache Erklärung: »Es geht bergab.« Er freut sich, dass er es laufen lassen kann: »In Berlin haben auf jedes Blatt schon zehn Hunde gepinkelt. Hier können die Kinder mal Sachen anfassen.« Und Tanja, die Mutter von Marie, die es am Berg etwas steil fand und der dreijährigen Lina, die gut gelaunt schweigt, sagt:

»Ohne die Gruppe hätten wir die Kinder nie zum Wandern gebracht.“ Auch ihr Mann findet: »Die Rechnung ist aufgegangen.«

Und wie fanden es unsere Kinder? Jakob lapidar: »Gut!« – was immer ein gutes Zeichen ist. Adrian: »Nicht sehr megagut. Aber das Spiel war gut.« Schon ambivalenter. Ist Wandern unter dem Strich was für Euch? »Nein«, kommt es wie aus einer Kehle fast schon inbrünstig zurück. Man kann aber auch blöde Fragen stellen, Papa, denke ich mir. Zurück am Wanderparkplatz Hindenburghütte, heißt es Abschied nehmen. Alle sollen sich im Kreis nochmal an den Händen nehmen: »Ihr wart’s a ganz, ganz netter Haufen!«, sagt Marlies und kehrt uns mit einem strahlenden »Pfuati!« und der Bitte, wieder mal nach Reit im Winkl zu kommen, den Rücken.

Tipps zur Anreise und zum Wandern mit Kindern

Anreise. Mit dem Auto ab München in rund 1,5 Stunden, ab Köln 7,5 und ab Berlin in rund sieben Stunden (Wien vier, Linz zweieinhalb; Salzburg gut eine). Mit dem Flugzeug bis Salzburg zum Beispiel mit Eurowings nonstop von Düsseldorf, Köln-Bonn und Hamburg, mit Easyjet ab Berlin.

Wandern mit Kindern. Jeden Mittwoch im Juli und August nimmt Marlies Speicher Kinder ab acht Jahren mit in die Berge. In dem fünfstündigen Workshop geht es um den Wald, das richtige Wandern, die passende Ausrüstung und die Besonderheiten der Chiemgauer Bergwelt. Die Anmeldung ist jeweils bis 12 Uhr am Vortag unter Telefon +49 176 98678804 erforderlich. Die Teilnahme kostet 35 Euro.

Mutter mit Kind beim Wandern am Fluss

Stefan Weißenborn

Übernachtungstipp: Alpenhotel Dahoam

Unterkunft mit Wanderalternative. Im Alpenhotel Dahoam in Schleching kostet das Doppelzimmer ab 98 Euro inklusive Frühstück, die 125-qm-Ferienwohnung mit drei Stockbetten und einem Doppelbett kostet ab 150 Euro ohne Frühstück; direkt vor der Haustür kann man auf einen alten Schmugglerweg einschwenken, der über die österreichische Grenze zur spektakulären Entenlochklamm führt, wo Wanderer die Tiroler Ache auf einer Hängebrücke überqueren. Mit Kindern braucht man bis dorthin knapp zwei Stunden, und kann ab Klobenstein mit dem Bus direkt zurück nach Schleching fahren.

Alternativen: Rafting und Sommerrodelbahn

Wer seine Kinder nicht zum Wandern bewegen kann oder möchte, kann in Schleching mit Sport Lukas Rafting auf der Tiroler Ache machen und kommt dabei auch durch die Entenlochklamm. Mindestalter ist acht Jahre, Teilnehmer müssen schwimmen können (ab 22 Euro für Kinder; ab 32 Euro regulär).

Ein Spaßgarant ist auch der 2018 eingeweihte Chiemgau Coaster, eine moderne Sommerrodelbahn in Ruhpolding (Einzelfahrt Kinder 3,50 Euro; einstündige Flatrate 12 Euro). Wir mit den Kindern ins Freibad möchte, wird sowohl in Ruhpolding als auch in Reit im Winkl fündig.

 

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