Ob in Cafés, Bars oder Künstlerateliers – Brünn präsentiert sich als junge, hippe Alterantive zu Prag. Und sonst? Unsere Sightseeing-Tipps für die zweitgrößte Stadt Tschechiens.

Tschechiens international einzig bekanntes Städtereiseziel ist Prag. Seitdem die Altstadt und die barocke Kleinseite nach der Wende den Unesco-Weltkulturerbe-Titel verliehen bekamen, erlebte die tschechische Hauptstadt einen beispiellosen Aufschwung. Millionen von Touristen besuchen jährlich die Stadt an der Moldau. Einen deutlich schwereren Stand in der Gunst der Touristen hat dagegen die zweitgrößte Stadt Tschechiens: Brünn. Sie fristet auf den Reiseplänen der Cityhopper ein Schattendasein. Zu Unrecht. Wir verraten, warum sich eine Reise nach Brünn durchaus lohnt.

Blick auf die Kathedrale St. Peter und Paul in Brünn

Tomas Fabian/Shutterstock.com

Erst einmal ein paar Worte dazu, wo ihr Brünn überhaupt findet: in der Region Südmähren, im Südosten Tschechiens. Die Stadt liegt rund 140 Kilometer nördlich von Wien und circa 350 Kilometer südöstlich von Dresden. Mit der Bahn könnt ihr u.a. von Hamburg, Berlin und Dresden ohne umzusteigen nach Brünn fahren. Von Berlin fahrt ihr mit dem EC sieben, von Dresden fünf Stunden. Der Bahnhof in Brünn (Nádražní 418/1) liegt am Rande der Altstadt – besser geht’s nicht!

Brünn hat rund 380.000 Einwohner, also etwa so viele wie Bochum. Sie ist damit die größte Stadt Südmährens.

Fahrradfahrer auf dem Jakob-Platz in Brünn

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Die Region ist in ganz Tschechien für den hervorragenden Wein bekannt, der in der Region angebaut wird. Der Grüne Veltliner ist die dominanteste Rebsorte, es wird aber auch Müller-Thurgau, Welschriesling und Chardonnay angebaut.

Krautmarkt: Frisches aus der Region

Nun aber zu den Sehenswürdigkeiten in Brünn. Auf dem historischen Krautmarkt (heißt wirklich so!) im Zentrum treffen sich Einheimische und Besucher gleichermaßen. Der Markt ist geradezu prädestiniert als Startpunkt für einen Bummel durch die Altstadt. Auf dem Krautmarkt könnt ihr dienstags bis samstags euren Hunger mit Burgern und Kuchen vom Foodtruck Būcheck stillen – eine Köstlichkeit! Als Mitbringsel empfehlen sich die Leckereien, die die Bauern aus der Region an ihren Ständen anbieten. Ein hübsches Fotomotiv macht der barocke Parnas-Brunnen her.

Parnas-Brunnen auf der Zerny-Platz in Brno, Brünn

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Im unteren Teil des Platzes liegt der Eingang zum Labyrinth unter dem Krautmarkt, ein Komplex unterirdischer Gänge und Keller aus mittelalterlichen Zeiten.

 Ludwig Mies van der Rohes Ikone: die Villa Tugendhat

Brno steht wie kaum eine andere Stadt Tschechiens für die funktionalistische Architektur der Zwischenkriegszeit. Dort wirkten bedeutende Architekten der damaligen Zeit wie Bohuslav Fuchs oder Arnošt Wiesner. Das bedeutendste Bauwerk aus dieser Ära ist Mies van der Rohes Villa Tugendhat, die heute zum Weltkulturerbe der Unesco zählt.

Villa Tugendhat in Brünn

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Die dreigeschossige Villa, die er 1929 bis 1930 für die Kaufmannsfamilie Tugendhat errichtete, gehört als Meilenstein des modernen Bauens ist auch für die geschichtliche Entwicklung des Landes bedeutsam. Denn dort wurde vor 25 Jahren die friedliche Trennung von Tschechien und der Slowakei vereinbart. Fazit: Die Villa zu besuchen ist ein Muss für jeden Brno-Besucher. Aaaaber: Wer die Villa besichtigen will, sollte sich rechtzeitig anmelden. Denn Ludwig Mies van der Rohes Ikone des modernen Bauens zieht ziemlich viele Besucher aus aller Welt an.

Villa Stiassni und Werkbundsiedlung Nový Dům

Brünn expandierte nach der Gründung der Tschechoslowakei rasch, und viele junge Architekten wirkten am Aufbau der Stadt mit. Zu ihnen gehört Arnošt Wiesner. Die von ihm errichtete Villa Stiassni ist der Villa Tugendhat beinahe ebenbürdig. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente sie als Herberge für illustre Staatsgäste wie Fidel Castro, heute wird sie für Ausstellungen genutzt.

Villa Stiassni Brno

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Neben Wiesner war auch Bohuslav Fuchs einer der Architekten der Werkbundsiedlung Nový Dům (Neues Haus). Sie entstand 1928 nördlich des Stadtzentrums. Ihre 16 Einfamilienhäuser stehen heute unter Denkmalschutz. Zu den bemerkenswertesten Bauten von Fuchs gehört das Hotel Avion; ein mehrgeschossiges Gebäude, das er in eine kaum mehr als acht Meter breite innerstädtische Baulücke einpasste. Das von Fuchs entworfene Café Zeman musste 1964 dem Neubau des Janáček-Theaters weichen. Es wurde aber als Replik zum 100. Geburtstag des Architekten im Jahr 1995 ganz in der Nähe des alten Standortes wiedereröffnet.

Festung Spielberg

Neben der Villa Tugendchat hat Brno weitere Sehenswürdigkeiten in petto, die ihr euch unbedingt ansehen solltet. Allen voran die historische Festung Spielberg, die mit den Kasematten das einst härteste Gefängnis der k.u.k.-Monarchie beherbergte: der berühmte »Kerker der Nation«. Die Kasematten wurden bereits 1742 errichtet, ursprünglich wurde hier Brot gebacken. 1783 beschloss Kaiser Josef II., aus den Kasematten den »Kerker der Nation« zu machen. Er nahm hier italienische Carbonari und andere Gegner der Habsburgermonarchie fest.

Festung Spielberg in Brünn

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Später dann wurden hier Kasernen eingerichtet. Heute ist in Spielberg das städtische Museum von Brünn untergebracht. Auch finden hier viele Ausstellungen, Theater und Konzerte statt. Außer einer Besichtigung der Kasematten lohnt auch ein Besuch der wechselnden Ausstellungen aus den Sammlungen der Stadt Brünn. Der Wandelgang des Eckturms bietet euch einen schönen Blick auf Brünn und die Umgebung.

Wahrzeichen: die St. Peter-und-Paul-Kathedrale

Das Wahrzeichen der Stadt ist die St. Peter-und-Paul-Kathedrale, die auf dem höchsten Hügel der Stadt (Petrov) errichtet wurde. Sie konkurriert mit dem Nachbarhügel, auf dem im Mittelalter Wein angebaut wurde und wo sich heute die Festung Spielberg befindet. Der Eintritt in die Kathedrale ist umsonst. Solltet ihr die Kathedrale besichtigen, lohnt es sich, zum Turm der Kapelle aufzusteigen. Von hier oben habt ihr einen grandiosen Blick über die Stadt.

Blick auf Schloss Spilberk Brno

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Für alle, die es schaurig mögen, lohnt ein Besuch der St.-Jakobs-Kirche. Unter der Kirche befindet sich das Beinhaus. Es ist nach den Pariser Katakomben das zweitgrößte Europas. Die Wände sind mit Knochen ausgelegt, und Knochenmänner in Mönchskutten stehen in Portalen aus Schädeln. Anthropologischen Analysen haben ergeben, dass hier die Opfer der mittelalterlichen Pest- und Choleraseuchen sowie die Opfer des Dreißigjährigen Krieges bestattet wurden. Ganz schön schaurig hier! Apropos St.-Jakobs-Kirche: Der Platz hinter der Kirche ist im Sommer in den Abendstunden extrem beliebt. Vor allem bei jungen Leuten. Es gibt hier irre viele Kneipen, Restaurants, Cafés und Bars, viele davon mit Außengastronomie.

Junge Leute vor einer Bar auf dem Jakobplatz in Brünn, Tschechien

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AZ Tower und Planetarium

Ein tolles Fotomotiv gibt der 111 Meter hohe Brno – AZ Tower her. Der ungewöhnliche Bau besteht aus zwei Seitenquadern, die Mitte des Gebäudes ist verglast.

Fassade des AZ Tower in Brünn

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Der AZ Tower ist noch recht jung; gebaut wurde er zwischen 2011 bis 2013 im Stil des sogenannten Dekonstruktivismus nach den Entwürfen der Architekten Aleš Burian und Gustav Křivinek. Ihr findet den AZ Tower im südlichen Zentrum Brünns.

Im Planetarium der Stadt könnt ihr Sternenwelt dreidimensional erleben. Diese Möglichkeit bieten bislang nur wenigen Anlagen in Europa. Die Kuppel umspannt ein ultramodernes 18 Meter langes Laser-Phosphor-Display, das noch größere Schärfe und Farbbrillanz ermöglicht.

Blick auf die Dachterrasse des Planetariums in Brünn, Tschechien

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Flüssigkristallbrillen, die beim Eintritt ausgehändigt werden, lassen ein plastisches Bild entstehen. Himmelsprojektionen und Filmvorführungen gibt es auch in englischer Tonfassung. Die Ausstellung im »Exploratorium« von Sternwarte und Planetarium ist sowohl mit englischer als auch deutscher Übersetzung versehen. Das Programmheft gibt es ebenfalls auf Deutsch.

Coole Cafés und Bistros in Brünn

Frau hält Schüssel mit Papaya-Mango-Reis-Püree in der Hand

Martin Bargl u

Aber nicht nur für Liebhaber von Architektur und Kunst bietet Brünn viel. Die Stadt ist auch von einem ziemlich kreativen Vibe geprägt. Viele Kunst-Projekten finden übers ganze Jahr hinweg statt, so etwa die Brno Art Week, wo sich die lokale Künstlerszene die Klinke in die Hand gibt. Darüber hinaus genießt Brünn den Ruf, die besten und coolsten Cafés Tschechiens zu haben. Deshalb unser Tipp: Schaut während eures Stadtrundgangs unbedingt in einigen Cafés vorbei. Besonders empfehlenswert sind das SKØG Urban Hub, das V melounovém cukru, das Podnik Café, das Kult Café und das 10-Z Bunker Café.

Ausflüge in die Umgebung

Outdoor- und Natur-Begeisterte unter euch können die Region rund um Brünn per Rad und beim Wandern erkunden. Empfehlenswert ist die Brno-Weinroute, die ihr prima mit dem Fahrrad erkunden könnt. Sie startet im Süden der Stadt, wo ihr auf dem Radwanderweg in die Region der Weinberge gelangt.

Weinanbautgebiet Velke Pavlovice in Südmähren, Tschechien

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Die Landschaft hier ist meist eben, man sieht viele Wegkreuze und Kapellen sowie einsame Bäume inmitten von Feldern. Bei eurer Reise Richtung Süden fahrt ihr am Fluss Svratka entlang. Hier lohnt ein Zwischenstopp in einem der größten mährischen Klöster: der Abtei Rajhrad. Ebenfalls einen Besuch wert ist das Schlachtfeld bei Austerlitz. Hier siegte einst Napoleon über die österreichischen und russischen Truppen, weshalb diese Schlacht auch als »Drei-Kaiser-Schlacht« bezeichnet wird.

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