In diesem Jahr feiert die LGBT-Bewegung in vielen US-Städten den 50. Geburtstag der Pride-Demonstrationen. Anlass für uns einmal zu schauen, wohin Lesben und Schwule heute sicher reisen können – und wohin nicht.

Es ist ein historisch bedeutsames Jahr für die Lesben- und Schwulenbewegung in den USA, die LGBT Community, wie sie international genannt wird: 2020 feiert sie vielerorts in den Vereinigten Staaten den 50. Jahrestag der Demonstrationen rund um den Christopher Street Day. Zwar fanden die Proteste der LGBT-Gemeinde gegen Polizeiwillkür am 28. Juni 1969, und damit vor 51 Jahren, in der Bar Stonewall Inn in Manhattan statt. Doch erst ein Jahr später formierten sich in vielen US-Städten Demonstrationen, die an dieses Ereignis erinnerten.

Schwulenbar Stonewall Inn in New York City

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Heute sind in nahezu allen großen US-Städten die Geschehnisse von damals Anlass, um gegen die immer noch bestehenden Diskriminierungen im Alltag zu demonstrieren. Die sogenannten »Pride Events«, in den USA deutlich politischer als die ziemlich partylastigen Christopher-Street-Day-Pendants in Deutschland, ziehen genauso wie hierzulande viele Touristen aus Nah und Fern an. Fast jedes Fremdenverkehrsbüro in den USA rührt kräftig die Werbetrommel für die Veranstaltungen. Die »Pride Events« gehören vielerorts zu den Highlights im jährlichen Veranstaltungskalender.

Drag Queen beim CSD in New York

Brian Kyed

Pride Events und CSD-Paraden als Touristenmagnete

Viele Lesben und Schwule lieben die »Pride Events«, auch in Deutschland. Zu den größten Christopher-Street-Day-Paraden in Deutschland, denen in Berlin und Köln, reisen jährlich Hunderttausende Besucher an. Die Domstadt zählte im vergangenen Jahr gar 1,2 Millionen Menschen, die sich die große CSD-Parade anschauten. Meist bleiben die auswärtigen Besucher ein ganzes Wochenende in der Stadt. Josef Sommer, Ex-Chef von Köln Tourismus, schwärmte von Anfang an von der Klientel:

»Es stärkt unser Renommee und bringt neue, internationale Gäste. Lesben und Schwule sind übrigens häufig überdurchschnittlich einkommensstark und besonders interessiert an Städtereisen – für uns also eine wichtige Zielgruppe.«

Auch die großen Pride-Veranstaltungen in Amsterdam, Paris, London, Madrid, Wien, Kopenhagen und Stockholm sorgen in den gastgebenden Städten für volle Hotelzimmer.

Aber Lesben und Schwule sind nicht überall willkommen. Möchten sie offen mit ihrer Liebe oder Sexualität umgehen, so sind es vorwiegend Länder der sogenannten westlichen Welt, in denen sie unbeschwert Urlaub machen können.

Schwulenpaar in Porto

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Allen voran in Süd-, West- und Nordeuropa, den USA, Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland. In vielen Städten und Regionen dieser Länder sind sie nicht zur akzeptiert, sondern auch willkommen. Das Schwulenmekka San Francisco beispielsweise bietet auf seiner Website eine eigene Rubrik für die LGBT-Gemeinde an. Interessierte finden dort Bar-, Restaurant- und Shopping-Tipps für ihren nächsten Trip in die kalifornische Metropole.

Wohin reisen Lesben und Schwule?

Andere Reiseziele müssen gar nicht erst Werbung machen für ihre florierende Lesben- und Schwulen-Community. Seit Jahrzehnten schon sind sie als Ferien-Hotspots der Szene bekannt. Dazu zählen in Europa die Kanareninsel Gran Canaria, die Balearen-Insel und Partyhochburg Ibiza, die griechische Insel Mykonos und das ehemalige Fischerdorf Sitges in Katalonien.

Lesben-Paar in Dünen auf Gran Canaria

Tourist Board of Gran Canaria

Gleiches gilt in den USA für Key West in Florida und Palm Springs in Kalifornien. In all diesen Urlaubsorten gibt es nicht nur viele Szene-Bars, sondern auch viele B&B- und Hotel-Unterkünfte speziell für Lesben und vor allem Schwule.

Auch die LGBT-Szene in Miami ist seit Langem ein beliebtes Reiseziel. Viele Hotels, Restaurants sowie Bars und Clubs haben sich auf diese Zielgruppe eingestellt. Darüber hinaus locken einige der größten Gay-Partys des Landes Tausende von internationalen Besuchern nach Miami. So ist die Stadt seit über 23 Jahren Austragungsort der Winter-Party: Meist im März verwandelt sich South Beach in Höhe des Lummus Parks in eine Partymeile unter weißen Zelten. Internationale DJs heizen der Menge ein, kleine Kunstevents runden die Party-Woche ab.

Schwule beim Winter Party Festival in Miami

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Brasiliens Hotspots Rio de Janeiro und Sao Paulo

Auch Südamerika steht bei vielen hoch im Kurs. Als schwulenfreundlichstes Land des Kontinents gilt Argentinien, vor allem die Hauptstadt Buenos Aires. Auch der große Nachbar Brasilien zieht viele sonnen- und partyhungrige LGBT-Touristen aus aller Welt an. Der Gay-Beach in Rios Stadtteil Ipanema ist legendär, ebenso die weltweit größte Pride-Parade in der Metropole Sao Paulo. Allerdings hat die Popularität Brasiliens in der LGBT-Gemeinde seit dem Amtsantritt von Präsident Jair Bolsonaro schwer gelitten. Der Rechtsaußen-Politiker sagte erst im Frühjahr vergangenen Jahres:

»Wir können dieses Land nicht dafür berüchtigt sein lassen, dass es ein schwules Touristenparadies ist. Brasilien kann kein Land für Schwulentourismus sein.«

Schwieriges Terrain: Osteuropa und Balkan

Aber nicht nur in Brasilien ist es kompliziert. Auch in Ländern, die gar nicht so weit weg sind von Deutschland, in denen Osteuropas nämlich. Allen voran in Polen, wo reaktionäre Kräfte gern mal Stimmung gegen Homosexuelle machen, oft Hand in Hand mit den Regierenden. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán gehört ebenso in diese Riege wie Russlands Präsident Wladimir Putin; auch wenn letztgenannter eine homophobe Stimmung in seinem Land jüngst zurückwies.

Demonstranten gegen Homophobie in Russland

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Aber auch in Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder in denen des ehemaligen Jugoslawiens sollten sich Lesben und Schwule hüten, all zu offen ihre sexuelle Neigung zu zeigen. Einerseits. Andererseits gibt es den größeren Städten der Länder Ost- und Südosteuropas durchaus eine Lesben- und Schwulenszene. Zwar deutlich kleiner und verdruckster als in Westeuropa, aber immerhin. Mancherorts in Ost- und Südosteuropa werden sie geduldet, mancherorts gar toleriert. Oft ist in diesen Ländern das Credo von Regierenden und Bevölkerung: So lange sie sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, so lange lassen wir sie in Ruhe. Ein solches Credo wirkt auf die Community aus dem Ausland nicht sonderlich einladend. Kein Wunder, dass viele Lesben und Schwule um diese Länder einen Bogen machen, wenn es um den Urlaub geht.

No-go-Areas: Iran, Vereinigte Arabische Emirate und Malaysia

Das ist freilich noch harmlos gegenüber den Ländern, die Schwulen und Lesben sehr feindselig gegenüber stehen. Dort sind Szenetreffs wie Bars, Clubs und Saunen tabu. Nicht nur das: Homosexualität ist dort strafbar. In einigen Ländern droht gar eine Gefängnis-, schlimmstenfalls die Todesstrafe. Als Pärchen Hand in Hand durch die Stadt laufen, sich im Restaurant am Tisch als Paar zu erkennen geben oder Gay-Kontakt-Apps nutzen, kann dort schon ziemlich gefährlich werden.

Es handelt sich dabei vornehmlich um Länder, in denen die Religion, vor allem der Islam, eine dominante Rolle in Staat und Gesellschaft spielt. Das zeigt auch der Spartacus Gay Travel Index. Der Index gibt einen Überblick über die Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) in insgesamt 202 Ländern und Regionen.

Zu den gefährlichsten Ländern für LGBT-Reisende gehören laut Index 2020 Staaten wie Saudi-Arabien, Iran, Somalia und die russische Teilrepublik Tschetschenien, in denen Homosexuelle massiv verfolgt und mit dem Tod bedroht werden. Aber auch die bei Touristen aus Deutschland populäreren Urlaubsländer wie die Vereinigten Arabischen Emirate (Platz 195), Katar und Malaysia (beide Platz 190) sowie Ägypten (Platz 181) gelten als gefährlich für Lesben und Schwule.

Ein homophobes Klima herrscht auch in dem von ultrakonservativen Christen dominierten Uganda und dem Karibikurlaubsparadies Jamaika. Auch Singapur, das sich gern als modernes Land verkauft, wirkt für LGBT-Reisende nicht gerade einladend. Dort ist der Sex zwischen Homosexuellen verboten. Das entschied das Oberste Gericht Ende März dieses Jahres. Willkommen im Jahre 2020.

Drakonische Strafen in einigen Ländern

Aber wie sieht es konkret in den homophoben Ländern aus? In dem Urlaubsparadies Malediven zum Beispiel ist Homosexualität strafbar. Bei Nichtbeachtung droht strafrechtliche Verfolgung. Das Strafgesetzbuch verbietet in Abschnitt 411 Absatz 2 den Geschlechtsverkehr zwischen Menschen gleichen Geschlechts. Homosexueller Geschlechtsverkehr kann mit Haftstrafen von sechs Monaten bis zu vier Jahren bestraft werden. 

Im bei Safaritouristen beliebten Kenia sieht es noch schlimmer aus. Auch dort sind gleichgeschlechtliche  Handlungen zwischen Männern nach Paragrafen 162 bis 165 des Strafgesetzbuches strafbar. Das Strafmaß beträgt 5 bis 14 Jahre Freiheitsstrafe.

Und in dem bei Kultur- und Bildungstouristen beliebten Iran droht eine enorme Gefahr, sogar für Leib und Leben. Allein fürs bloße Outing drohen 100 Peitschenhiebe. Die Todesstrafe kann verhängt werden, wenn ein schwules Paar in flagranti erwischt wird. Von offizieller Seite wird die Schwulen und Lesben im Land negiert: Ex-Präsident Irans Ahmedinejad behauptete, in seinem Land gebe es keine Homosexuellen.