Der Sommerurlaub 2020 ist längst gebucht – doch die Corona-Pandemie droht alle Ferienträume platzen zu lassen. Was tun? Abwarten? Stornieren? Umbuchen? Touristikunternehmen appellieren an die Urlauber, ihre gebuchten Reise nicht zu stornieren, sondern zu verschieben. Über eine Branche, die tief verunsichert ist, und Urlauber, die warten, was passiert.

Bei Jochen Volland stehen derzeit die Telefone nicht mehr still. Der Inhaber des Reisebüros Teddy Travel in der Kölner Innenstadt muss in diesen Tagen unzählige Fragen besorgter Kunden beantworten. Es sind fast immer dieselben Sorgen, mit denen Volland konfrontiert wird: Was wird aus meiner Sommerurlaubsreise in dieser Coronakrisen-Zeit? Kann ich die noch antreten? Soll ich stornieren? Oder lieber umbuchen auf einen späteren Zeitraum? Andere möchten ihr Geld zurück, das sie für eine Urlaubsreise bezahlt haben, die sie gar nicht mehr im März antreten konnten.

Prognose für den Sommer? Fehlanzeige!

Über den Urlaub in diesem Sommer hängt derzeit ein Damoklesschwert. Die Vorfreude darauf droht für Millionen von Bundesbürgern wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Zwar hat das Auswärtige Amt aktuell die weltweite Reisewarnung bis zum 30. April 2020 befristet, aber dass danach unbeschwert in die Feriensaison gestartet werden kann, ist undenkbar. Aber wie könnte es weiter gehen? Möglich sind viele Szenarien.

Coronakrise Urlaubsreise: Was berichten die Zeitungen?

Micheile Henderson

Das Auswärtige Amt könnte seine weltweite Reisewarnung für mehrere Wochen, ja sogar für den ganzen Sommer verlängern. Das wäre das denkbar pessimistischste Szenario. Denkbar sind auch andere Varianten. So könnte das Ministerium »nur« eine Warnung für Länder außerhalb Europas aussprechen – man weiß es nicht. Aber selbst wenn das Außenministerium sämtliche Reisewarnungen im Laufe des Frühsommers aufheben sollte, dürfte sich die Corona-Pandemie in vielen Regionen und Ländern der Welt sehr unterschiedlich darstellen. Kaum ein Experte wagt derzeit eine Prognose.

Coronakrise trifft die Tourismusbranche bis ins Mark

Was bedeutet das für Urlauber, die für den Sommer ihre Reise gebucht haben? Im Juni nach Mallorca? Im August nach Südafrika? Jochen Volland rät seinen Kunden dazu, erst einmal nichts zu tun:

»Wir empfehlen unseren Kunden derzeit, abzuwarten, bis sich der Veranstalter von sich aus meldet und die Reise storniert«, sagt er.

So umgehe man die Stornogebühren, die anfallen würden, wenn man von sich aus die Reise absagt.

Jochen Volland mit Mitarbeitern in seinem Reisebüro Teddy Travel in Köln

Teddy Travel

Aber was dann? Die Reiseveranstalter bieten für den Fall häufig eine Verschiebung der Reise an. Frei nach dem Motto »aufgeschoben ist nicht aufgehoben«. Denn sowohl Veranstalter als auch Airlines wollen im Falle einer Stornierung der Reise in jedem Fall vermeiden, dass die Kunden ihr Geld zurückverlangen. Der Grund ist klar: Die Coronakrise trifft die Branche bis ins Mark. Hotels, Incoming-Agenturen, Airlines, Reisebüros und Veranstalter fürchten um ihre Liquidität, manche gar um ihre Existenz. Die ersten Veranstalter hat es schon getroffen: Am 20. März meldete der Radreisespezialist Radissimo Insolvenz an, vor wenigen Tagen folgte der Essener Asienspezialist Comtour.

Viele Kunden haben Verständnis für die Situation

Auch für Ralf Hieke, Chef des Reisebüro Strier in Ibbenbüren, ist die Situation nicht einfach. Er steht zwischen den Fronten. Auf der einen Seite die Reiseveranstalter, auf der anderen Seite die Kunden. Für die Veranstalter sei das eine völlig neue Situation, gibt er zu bedenken:

»Es ist einfach alles im Eimer. Das ist das Problem. So etwas hatten wir in der Geschichte noch nie.«

Er freue sich darüber, dass viele Kunden Verständnis zeigen. Unmutsäußerungen erlebe er kaum. Kunden, deren Reise storniert wurde, hätten ihr Geld zurückerhalten – oder einen Gutschein akzeptiert.

Ralf Hieke

Ralf Hieke

Wer für den Sommer seinen Urlaub gebucht habe, dem rät er – genauso wie sein Kollege Volland aus Köln – Geduld zu haben. »Wir fahren jetzt auf Sicht und warten ab, wie sich die Situation in den Destinationen entwickelt und von der Politik entschieden wird

Veranstalter rufen nach der Politik

Bis dahin müssen die Reiseveranstalter flüssig bleiben. Norbert Fiebig, Präsident des Reiseverbandes DRV, fordert ein Einschreiten der Politik, um die Branche liquide zu halten. Die Kunden sollen einstweilen auf die Auszahlung der bereits entrichteten Reisepreise verzichten und stattdessen eine Reisegutschrift des Veranstalters erhalten. Zum Schutz der Verbraucher sollen die Reisegutschriften im Gegenzug mit einer staatlichen Garantie ausgestattet werden. Doch Verbraucherschützer winken ab. Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, sagte:

»Die Bundesregierung muss Pauschalreisende in der Corona-Krise schnell und fair absichern. Die verpflichtende Annahme von Reisegutscheinen, wie es die Reisebranche derzeit fordert, ist aber keine gute Lösung.«

Falls Reiseanbieter Pleite gehen, wären solche Gutscheine nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt seien: »Dann müsste wohl erneut der Steuerzahler einspringen, wie bereits bei der Insolvenz von Thomas Cook.«

Auch Marija Linnhoff, Chefin des Verbands unabhängiger selbständiger Reisebüros e.V. (VUSR) lehnt sie ab: »Gutscheine anstelle von Bargeld ist keine Lösung«, sagt sie. »Die Bundesregierung sollte jetzt schnellstens für ihr wieder einmal (!) desolates Fehlverhalten bei der Umsetzung von Gesetzen Verantwortung übernehmen“, kritisiert die VUSR-Vorsitzende.

Marija Linnhoff

VUSR

»Es kann nicht angehen, dass Gutscheine als Allheilmittel für die Kunden und Reisebüros sowie den Schutz der Verbraucher angesehen werden. Diese Variante ist definitiv nicht das richtige und adäquate Mittel zur Lösung der Liquiditätsprobleme einiger Reiseveranstalter und Airlines«, so Linnhoff. In einer Zeit, in der die Kunden selbst nicht wissen, wie es weitergehe, könne man nicht erwarten, dass Kunden und Reisebüros zu Banken der Veranstalter gemacht werden, kritisiert sie weiter.

Rabatte sollen die Kunden bei der Stange halten

Derweil versuchen die Reiseveranstalter, die Kunden mit Vergünstigungen und Rabatten bei der Stange zu halten. Wer zum Beispiel beim Marktführer TUI zwischen dem 1. Mai 2020 und dem 30. April 2021 gebucht hat, erhält pro Person und Buchung einer neuen Reise eine Gutschrift in Höhe von 100 Euro. Andere Veranstalter wie Anex Tour, zu denen Öger Tours und Bucher Reisen gehört, gewähren einen »Solidaritätsbonus« von 10 Prozent des ursprünglichen Reisepreises, wenn man den Urlaub umbucht.

Menschenleeres Terminal im Flughafen Nürnberg

Markus Spiske

Den Solidaritätsbonus können alle betroffenen Kunden mit ursprünglicher Abreise bis zum 30. April 2020 erhalten. Dieser »Solidaritätsbonus« gilt dann für Neubuchungen mit Abreise bis zum 30. Juni 2021.

Wer keine Umbuchung wünscht, bekommt »selbstverständlich« den bisher gezahlten Reisepreis erstattet, heißt es bei Anex Tour.

Branchenriese DER Touristik bietet eine kostenlose Umbuchungsmöglichkeit für alle Reisen mit Reisezeitraum bis 31. Mai 2020. »Den neuen Reisezeitraum und die Destination kann der Kunde frei aus dem derzeit gültigen Angebot wählen. Unsere Wahrnehmung und Überzeugung ist es, dass es der Wunsch des Kunden ist, seine Reise zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen«, sagt Christopher Steiger, Pressesprecher der DER Touristik, gegenüber reisen EXCLUSIV.

Umfrage: Deutsche warten ab

Wie werden die Deutschen nun mit der Krise umgehen? Eine aktuelle repräsentative Befragung des Online-Versicherungsmanagers CLARK zusammen mit dem Befragungsinstitut YouGov ergab: Knapp ein Fünftel ist der Meinung, den geplanten Urlaub vermutlich absagen (18 Prozent) zu müssen – während 15 Prozent erwarten, gegebenenfalls umplanen zu müssen. Fast jeder Zweite (42 Prozent) hat allerdings vor, erst einmal abzuwarten, da der gebuchte Urlaub noch etwas weiter entfernt ist.

Schriftzug Theater: The world is temporarily closed

Edwin Hooper

Die Ausbreitung des Coronavirus beeinflusst allerdings auch diejenigen, die ihren Jahresurlaub noch planen. Fast ein Drittel (31 Prozent) der Befragten geht davon aus, dass ein längerer Urlaub in diesem Jahr nicht mehr möglich sein wird. 15 Prozent sind dabei etwas optimistischer: Sie warten erst einmal die nächsten Entwicklungen ab und passen ihre Planung dann entsprechend an. Für immerhin 5 Prozent spielt COVID-19 bei der Urlaubsplanung überhaupt keine Rolle.

Optimismus bei Kanadaportal

Auch für die Destinationen ist die Coranakrise ein schwieriges Unterfangen. Urlauber wollen Informationen, Planungssicherheit für ihren nächsten Urlaub. Aber kann die irgendjemand derzeit seriös voraussagen? Die Facebook-Seite Kanadafieber, die für Reisen nach Kanada trommelt und fast 87.000 Follower hat, übt sich in Optimismus: »Auf ihrer offiziellen Website schreibt die kanadische Regierung nun ‘nur’ noch, dass es AUGENBLICKLICH einen Einreisestopp für Ausländer gibt. Von einer Grenzschließung bis zum 30. Juni ist hier nun keine Rede mehr.«

In der Tat: Auch die Kanadier fahren aktuell auf Sicht. Möglich, dass der Einreisestopp für Touristen früher aufgehoben wird. Möglich aber auch, dass er verlängert wird. Wer weiß das schon, in diesen Zeiten … 

Bloggerin Lessenich: Sommerurlaub im Baltikum geplant

Nadine Lessenich, die den Familien-Reiseblog Planet Hibbel betreibt, plant für den Sommer eine Reise ins Baltikum. »Die Fähre von Kiel nach Klaipeda in Litauen sowie sämtliche Unterkünfte sind schon lange gebucht. Noch hoffe ich, dass wir unsere Reise ins Baltikum wie geplant antreten können«, sagt sie.

Nadine Lessenich

planethibbel.com

Nachdem Tschechien aber kürzlich eine Grenzschließung für die nächsten sechs Monate angekündigt hat, befürchte sie, dass weitere EU-Staaten nachziehen werden. »Da wir uns hauptsächlich in der Natur aufhalten werden, habe ich eigentlich keine große Sorge, mich mit dem Coronavirus anzustecken. Aktuell sehe ich noch keine Veranlassung unseren Trip zu stornieren und vor Mitte Juni werde ich auch keine Entscheidung treffen. Und falls doch alles den Bach runtergeht? »Bis dahin kann ich viele Unterkünfte noch kostenfrei stornieren. Wenn jedoch gar nichts klappt, werde ich die gesamte Reise auf den Sommer 2021 verschieben«, so ihr Vorhaben.

Leserinnen wollen Situation in den Reiseländern genau verfolgen

reisen-EXCLUSIV-Leserin Anna Steuber möchte mit ihrer Mutter im September nach Irland reisen und berichtet: »Wir fahren seit über 20 Jahren nach Irland und mieten uns dort immer ein Ferienhaus. Das haben wir im Januar bereits gebucht. Jetzt warten wir erst einmal die Entwicklung ab. Ab Anfang Juli müssen wir uns Gedanken machen, ob wir die Reise tatsächlich antreten können. Aber für uns ist klar: Nur, wenn es wirklich nicht geht, bleiben wir zu Hause. Wenn es erlaubt ist, wollen wir fahren, denn vor Ort kann man sich super zurückziehen und entspannen.«

Auch Leserin Maja Herzbach möchte ihren geplanten Sommerurlaub nicht jetzt schon absagen. Sie will Anfang Juli zum Achensee in Tirol reisen. »Das Hotel ist gebucht, wir fahren mit dem Auto. Insofern sind wir mit Blick auf die Anreise flexibel. Österreich ist ja sehr streng, was die aktuelle Situation angeht. Ich werde mich auf alle Fälle an deren Ansagen orientieren. Dann würde ich mich sicher fühlen. Es kommt natürlich auch auf die Auflagen an. Wenn wir die ganze Zeit mit Masken und Gummihandschuhen und im Zwei-Meter-Abstand am Büffet stehen müssen, dann hätte sich das allerdings auch erledigt. Darauf hätte ich dann keine Lust.«

Wird ab Herbst wieder alles besser?

Ralf Hieke lobt indes die Reaktion vieler Urlauber: »Die Kunden, die für den Sommer gebucht haben, reagieren mehrheitlich ausgesprochen gelassen und warten erst einmal ab, was passiert.« Sorgen bereitet ihm derzeit vor allem das Neugeschäft:

»Im Moment kommen so gut wie keine Neubuchungen rein. Ich könnte mir allenfalls vorstellen, dass das Geschäft für die Herbst- oder Wintersaison wieder anzieht.«

Fällt der Sommer also komplett ins Wasser? Denkbar wäre, dass die Deutschen statt nach Mallorca zumindest an die Nord- oder Ostsee reisen werden. Aber auch dort sind die Kapazitäten begrenzt. Und: »Viele Urlauber haben sich dort für den Sommer bereits ihre Unterkünfte gesichert. Irgendwann wird dann dort nichts mehr buchbar sein«, glaubt Hieke.

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