Bordeaux, Piemont, Rioja oder Mosel – das sind nur einige von Europas herausragenden klassischen Weinregionen. Doch in den letzten Jahren hat sich viel Neues getan am Weinberg und im Keller. Es lohnt sich also durchaus, über den Gläserrand zu blicken und neue Weinregionen in Europa zu erkunden. Text: Susanne Wess und Heinz Peter

Brda in Slowenien: Es kommt Bewegung ins Glas

»Na zdravje!« oder auch »živeli!« – so prostet man sich zu in Slowenien. Beim Schnaps, Bier und beim Wein, von dem es dort so manchen richtig Guten gibt. Und ständig kommen neue Winzer dazu, die mit ausgezeichneten Qualitäten auf sich aufmerksam machen. Slowenien gehört somit zweifelsohne zu den Weinregionen in Europa, die eine Verkostung lohnen. Das gilt besonders für das Podravje, die Region um Maribor ganz im Nordosten, wo steirische Typizität quasi kontinuierlich über die Grenze hinüberwächst. Vor allem aber im äußersten Westen hat sich in direkter Nachbarschaft zum Friaul in den letzten Jahren einiges getan, was Weinfreunden pure Freude macht.

Ein gutes Beispiel dafür ist das kleine, aber feine Brda, das als Collio sein italienisches Pendant hat. Neben kraftvollen, tanningeprägten Rotweinen sind es vor allem die Weißen, die sich spannend präsentieren, ob aus Reben wie Chardonnay und Sauvignon Blanc oder den besonders reizvollen heimischen Sorten wie Rebula, Zelen und Pinela. Das Familienweingut Movia gehört seit 200 Jahren zu den besten Adressen im ganzen Land; sein Sekt namens »Puro« ist einfach spektakulär. Und in Marjan Simčič besitzt das Brda einen unglaublich dynamischen Winzer, der sich in der schillernden Naturwein-Szene einen hervorragenden Namen gemacht hat.

Weinregionen in Europa: Ales Kristancic

Movia

La Côte am Genfersee: Sonne satt

Üppige Trauben reifen an den steilen Terrassen entlang des Genfersees heran. Hier, in der Weinregion von La Côte, gibt es Sonne satt. Das Anbaugebiet liegt im Waadtland an der Grenze zum Kanton Genf und grenzt im Osten an die Hauptstadt Lausanne. 1.900 Hektar Rebfläche werden hier bestellt, vor allem mit dem Königswein der Region Chasselas, auch als Gutedel bekannt. Seine Farbe erinnert an die Herbstsonne: goldgelb mit hellen Reflexen und einem Duft von Lindenblüten und Zitrusfrüchten. Bereits seit dem 14. Jahrhundert wird Gutedel hier traditionell angebaut. Für manch einen mag die Traube aus der Mode sein, doch gerade junge Winzer verleihen ihr durch innovative Ausbauverfahren eine moderne, höchst frische Note.

So auch Jean-Daniel Monachon, Winzer im malerischen Château de Vinzel. Auf lehm- und kalkhaltigen Kiesböden baut er zusammen mit seinem Sohn Fabien in einer Grand-Cru-Lage seinen Chasselas an.

Jean-Daniel Monachon, Winzer in Château de Vinzel.

Susanne Wess

Die Arbeit kostet Kraft und Zeit, zählt doch das Anbaugebiet zu einem der steilsten der Welt. Doch dank dieser Lage und den rund 1.800 Sonnenstunden im Jahr bringt es einen besonderen Rebsaft von feiner Mineralität und ausgewogener Säure hervor, für den sich jeder Schweißtropfen lohnt. Wohl deshalb strahlt Monachons Gesicht beim Verkosten fast so hell wie die Sonne am Genfersee.

Amalfiküste und der Cilento: extreme Lagen

Bei Weinen aus Kampanien denken Italienliebhaber meist an einen kräftigen Aglianico del Taburno aus der Provinz Benevento oder seinen intensivroten Gegenspieler Taurasi aus Avellino – ohne Frage zwei süd- italienische Kraftburschen, die es in sich haben. Aber die Region am Fuße des Vesuvs kann noch viel mehr. So gedeihen etwa an der Amalfiküste spannende regionale Rebsorten wie Biancolella, Falanghina oder Ginestra. Einzeln oder als Cuvée verarbeitet, bringen sie Weißweine hervor, die leuchtend wie die Sonne über Capri im Glas schimmern. Ein einmaliges Händchen für die Trauben ihrer Heimat hat die Ausnahmewinzerin Marisa Cuomo. An den Steilhängen über dem Fischerdorf Furore zwischen Positano und Amalfi werden sie noch heute von Hand gelesen. Weine von Weltrang sind das Ergebnis, so etwa die berühmte Weißweincuvée »Furore Bianco Fiorduva« oder der nach Blüten duftende »Ravello Bianco«.

Doch auch tiefer im Süden, an den flacher abfallenden Hügeln des Cilento, kommen Liebhaber süditalienischer Trinkkultur voll auf ihre Kosten. So erfreut ein hellgelber Fiano mit Zitrusnoten, wenn eine Pasta mit Vongole auf dem Tisch steht, während der kräftige Aglianico aus dem Hinterland von Paestum besonders zu gereiftem Provolone-Käse mundet. Die Bio-Cantina San Salvatore 1988 von Peppino Pagano hat sich seit 2003 genau jenen Rebsorten verschrieben – zu Olivenöl auf Röstbrot und einem Stück Mozzarella di Bufala, beides aus eigener Produktion, machen sie ganz besonders Spaß. Salute!

Valencia: Aufschwung am Weinberg

Nein, sie haben es nicht leicht, die Weine aus Valencia. Nicht wenige Experten rümpfen schon mal das Kennernäschen, kommt die Rede auf Flaschen mit der Herkunftsbezeichnung D.O. Valencia. Über Jahrzehnte war es in erster Linie Menge, die von hier aus in alle Welt verfrachtet wurde, meist in gewaltigen Großgebinden. Und ja, da gab es halt Unmengen an Blanco, Rosado und Tinto für den kleinen Geldbeutel; gefällige Begleiter der reichhaltigen lokalen Küche – allen voran natürlich der berühmte Paella Valenciana. Doch die Zeiten ändern sich, manche haben’s bloß noch nicht so richtig mitgekriegt. Denn Potenzial für Spitzenqualität hat die Region allemal, die Vielfalt von Klima und Böden ist enorm. Easy drinking gibt es zwar immer noch, aber seit einigen Jahren gelingt es ambitionierten Winzer-Pionieren, dieses tolle Potenzial perfekt auszuloten. Namen wie Pablo Calatayud, Rafael Cambra oder Luís Corbí stehen für einen neuen Stil der valencianischen Weine.

Das Hinterland lässt aufhorchen

Endlich kommen aus dem Hinterland der lebensfreudigen Metropole am Mittelmeer auch Weine, die mit Charakter und Individualität glänzen und ganz spezielle, lokale Rebsorten wie Verdil, Forcayat und Mandó in Top-Form präsentieren. Und das Beste daran: bastante barato, also ziemlich günstig. Salud! Weingüter, die einen Blick lohnen sind Bodega El Angosto und Celler del Roure. Casa Salvador: traumhafte Terrasse mit malerischem Blick auf einen kleinen Fluss direkt am Meer, Fischerboote inklusive. Die beste Paella weit und breit zu sehr vernünftigen Preisen, gigantische Weinkarte mit allem, was Rang und Namen hat. Unbedingt reservieren!

Weinregionen in Europa: El Angosto, Valencia

El Angosto

El Gourmet del Socarrat: kleine Gastrobar in der Altstadt. Die regionalen Spezialitäten werden auf raffinierte Weise zubereitet und sind wunderschön präsentiert. Aufmerksamer Service. Sehr angenehm: Im Laden kann man auch Wein kaufen und gleich zum Essen trinken. Xàtiva. Calle Trobat 5, Tel. +34 962 27 27 90

Casa Rural Morera: kleines Landhotel im bergigen Hinterland, idyllisch gelegen inmitten von Olivenhainen und Weinbergen. Rustikal möbliert, riesengroßer Garten, eigene kleine Weinkellerei. Ruhe und Entspannung pur mit typisch regionalem Ambiente.

Südliche Weinstraße: Tradition versus Moderne

60 Millionen Weinstöcke, 12.000 Hektar Rebfläche und ein Klima, das dem Namen »Toskana Deutschlands« alle Ehre macht – das ist die Südliche Weinstraße, die sich von Maikammer in der Mitte der Deutschen Weinstraße bis nach Schweigen an der französischen Grenze erstreckt. In dieser Region, wo einst Bayernkönig Ludwig I. in seiner »Villa Ludwigshöhe« urlaubte, liegt der älteste Weinberg Deutschlands, auf dem 400 Jahre alte Traminer Rebstöcke noch heute sattgelbe Trauben hervorbringen.

Doch die eigentliche Stärke der Südpfalz sind die Burgundersorten: Weiß-, Spät- und Grauburgunder. Sie gedeihen auf den fruchtbaren Lehm- und Lößböden besonders gut. Komplex und charaktervoll sind die Tropfen, die daraus hervorgehen. Das findet auch der junge Winzer Christian Hartmann, der auf erstklassigen Weinberglagen wie dem Kirrweiler Mandelberg dank modernster Kellertechnik und innovativen Ideen schmelzige, nach Mango und reifen Äpfeln duftende Weißburgunder sowie kräftige hocharomatische Grauburgunder in die Flasche bringt.

Weinregionen in Europa: Familie Hartmann im Weinberg

Hartmann

Hartmann wurde 2017 Sieger des Winzerwettbewerbs »Die junge Südpfalz«. »Da wächst was nach« ist dessen Motto. Allerdings, und das vom Feinsten! Da kann man nur sagen: »Zum Wohl, auf die Pfalz!«

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